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Als ich sechs war, hatte ich einen Schlaganfall. Bis dahin war ich ein ganz gesundes Kind. Keiner weiß, wie es passiert ist. Manche vermuten, dass mein Kopf beim Spielen irgendwo gegen geknallt ist, aber dass das der Auslöser für etwas so Gravierendes gewesen sein soll, glaube ich nicht. Auf jeden Fall haben mir meine Eltern erzählt, dass ich gekrampft habe, sie mich ins Krankenhaus gebracht haben und dass bei mir ein Schlaganfall diagnostiziert wurde. An die Details erinnere ich mich so gut wie gar nicht mehr und bei den wenigen Erinnerungen, die ich habe, bin ich mir nicht sicher, ob sie nur Einbildung sind. Ich sehe zum Beispiel das Gesicht meiner Mutter vor mir, wie sie mir das Märchen vom Froschkönig erzählte, einmal im Krankenwagen und einmal im CT, ich sehe auch meine Großmutter an meinem Bett und mir einen Aufziehmond geben. Viel mehr weiß ich gar nicht, ich habe aber auch nicht danach gefragt. Es interessiert mich nicht. Ich weiß nur, dass ich am Anfang gar nicht sprechen und meine beiden Hände nicht bewegen konnte. In der Reha hatte ich Logopädie und habe gelernt, ein paar Laute von mir zu geben. Diese waren sehr undeutlich und sind mit der Zeit ein wenig deutlicher geworden, wobei ich immer noch sehr schwer zu verstehen bin. Mit der Zeit habe ich auch gelernt, meine linke Hand gezielt zu bewegen. Mittlerweile kann ich damit malen und - wenn auch sehr langsam - schreiben. In der Reha bekam ich daher einen Elektro-Rollstuhl. Als ich bald darauf entlassen wurde, kam ich in eine Grundschule für Körperbehinderte. Da ich die erste Klasse vor meinem Schlaganfall nicht ganz beendet hatte, musste ich diese wiederholen und war dadurch den anderen Kindern im Vorteil. Die Klassen waren sehr unterschiedlich gemischt. Einige Schüler waren nicht nur körperbehindert, sondern auch geistig beeinträchtigter. Dementsprechend niedrig war das Lernnieveau. Es gab drei Lehrer in meiner Klasse, die immer gleichzeitig im Raum waren und uns als Einzige - außer in Sport - unterrichteten. Eine Lehrerin bemühte sich, die geistig "Gesunden" - mich und zwei Jungen - so gut und so oft es ging zu fördern. Sie war es auch, die meinen Eltern empfahl, mich nach der vierten Klasse auf die einzige Schule in Nordrhein-Westfalen zu schicken, an der Körperbehinderte Abitur machen können. Rückblickend denke ich nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass ich ab meinem ersten Tag dort in eine andere Welt tauchte. Eine realere Welt, die irgendwie noch immer die Selbe war, aber wo ich anders angeguckt wurde. Und damit meine ich nicht nur, dass ich im Matheunterricht saß und auf einmal Bruchrechnen sollte, obwohl ich das noch nie getan hatte. In meiner Klasse war ich die Einzige im Rollstuhl. Den meisten meiner Klassenkameraden sah man ihre Behinderung nicht an. Höchstens denen, die gehbehindert waren und auf Zehenspitzen liefen. Plötzlich wurde ich ausgelacht, weil ich nicht richtig essen konnte oder meine Spucke nicht schluckte. Sogar mein Klassenlehrer ging damit nicht professionell um, sondern schlug sich auf die Seite meiner Ächter, was damals meine gesamten Mitschüler bedeutete. Etwas später kam ein Mädchen in unsere Klasse. Katharina. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie hatte Krebs gehabt und kam frisch von der Chemo. Sie war sehr nett und geduldig zu mir, gab sich auch Mühe, mich zu verstehen. Auch sie war nicht sonderlich beliebt bei meinen Klassenkameraden. Nach der 6. oder 7. Klasse wurden unsere Klasse und die Paralellklasse in Hauptschul- und Realschulklassen aufgeteilt. Ich und Katharina kamen in die Hauptschulklasse, leider auch alle unserer Ächter. Dazu kamen zwei gehbehinderte Mädchen, wovon das eine in einem Schieberolli saß. Mein Glück war, dass wir einen neuen Klassenlehrer bekamen, der sehr engagiert und professionell war. Auch mein Verhältnis zu den Therapeuten und Pflegekräften der Schule wurde inniger. Was aber meine Klassenkameraden angeht, wurde es ab der siebten Klasse immer schlimme. Auf anfängliche verbale Seitenhiebe folgte die Behauptung, dass ich stinke. Ich bin mir bis heute nicht sicher. Vielleicht stank ich wirklich. Trotzdem war es gemein, es mir ständig zu sagen bzw. mir entgegen zu schreien - ,,Du stinkst!". Diese Worte verletzten und verunsicherten mich. Ich fing an, Parfüm zu benutzen, nicht mehr ohne aus dem Haus zu gehen. Als die Beleidigungen trotzdem anhielten, fing ich an, mich einzuigeln, eine Menge Abstand zu meinen Klassenkameraden zu halten und sogar Außenstehende immer wieder zu fragen, ob ich stinke. In der achten Klasse hatten wir erstmalig Hauswirtschaftsunterricht. Dieser äußerte sich in einer Doppelstunde; die ersten 45 Minuten kochten wir und in der restlichen Zeit aßen wir. Anfangs machte ich noch beim Kochen mit. Da ich meine linke Hand bewegen kann, durfte ich z.B. Würstchen schneiden oder Salat in einer Schale mittels einer Schere zerkleinen. Ein Tag, an dem ich das tat, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich saß in der Küche. Die Tür zum Vorraum stand offen. Im Vorraum stand offen. Ich sah sie tuscheln und lachen. Der eine sah in meine Richtung und tat, als müsse er sich übergeben. Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie über mich gesprochen haben und ich bildete mir ein, dass es mir egal war. In dem letzten Jahr hatte ich so viele nette Leute außerhalb meiner Klasse kennen gelernt, von Katharina mal abgesehen und langsam bildete ich mir ein, eingesehen und akzeptiert zu haben, dass der Großteil meiner Klasse über mich lästerte und mich beleidigte. Ich habe mir also nicht viel dabei gedacht. Eine Weile später forderte mich eine meiner beiden Lehrerinnen auf, schonmal mit ihr in den Vorraum zu gehen und den Tisch zu decken, was im Klartext bedeutete, dass sie den Tisch deckte und ich nutzlos dabei stand. Als sie fertig war, machte sie die Tür zur Küche zu und setzte sich neben mich. Leider weiß ich nicht mehr, was ihre genauen Worte waren. Dafür erinnere ich mich genau an den Inhalt dessen, was sie zu mir gesagt hatte. Einige hätten sich bei ihr darüber beschwert, dass ich ins Essen sabbern würde. Sie hätte ihnen gesagt, dass das Essen ja eh danach gewaschen und gekocht wird, aber ich wüsste ja, wie das ist. Sie würde nicht wissen, ob das stimmt und würde mir auch nichts unterstellen wollen. Trotzdem haben sie und ihre Kollegin überlegt, dass es besser würde, wenn ich beim Kochen einen Mundschutz tragen oder speichelbindende Tabletten nehmen würde. Auch wenn es kitschig ist, glaube ich, dass an der Redewendung, dass man spürt, wie einem das Herz gebrochen wird, etwas dran ist. In der Sekunde, in der sie mir das gesagt hatte, spürte ich einen Stich in der Magengegend. Mir wurde furchtbar heiß. Ich fühlte mich in die Enge gedrängt und hoffnungslos ausgeliefert. Gott sei Dank entließ mich meine Lehrerin kurz darauf mit der Aufforderung, dass ich zum Essen wieder da sei. Ich fuhr aus der Küche und als ich weit genug entfernt war, fing ich an, zu weinen. Dabei fuhr ich weiter. Was hatte ich ein Glück, das mir niemand entgegen kam. Ich parkte meinen Rollstuhl in einem Gang, weinte zu Ende und überlegte, was gerade passiert war. Bisher hatte ich nämlich nur die Demütigung, die dahinter steckte, wahr genommen. Ich war mir 100%ig sicher, dass ich niemals ins Essen gesabbert hatte! Aber warum sollten die anderen dann sowas sagen? Ich muss zugeben, dass ich zu der Zeit wirklich sehr oft gesabbert habe, vielleicht war ja tatsächlich was dran. Vielleicht hatte ich unbewusst ins Essen gesabbert. Möglich war das. Trotzdem fühlte ich mich verraten und ich war auch traurig, dass meine Lehrerinnen den anderen einfach so geglaubt hatten. Ich hatte gar keine Lust, wieder zurück zu gehen. Ich wollte am Liebsten gar nicht mehr, mit diesen Verrätern in einem Raum sehen. Aber ich hatte ja keine Wahl. Ich musste meine Schule beenden, ob ich dabei beliebt oder unbeliebt war. Und ich musste jetzt auch in die Küche zurück, allein um meine Anwesenheit zu bestätigen. Ich ging also zurück in die Küche, aber ich aß nicht mit, sondern stellte meinen Rolli an die Wand und wartete, bis die Stunde zu Ende war. Wenn meine damalige Klasse und mich ein Fernsehgerät getrennt hätte, hätte ich meine Klasse vielleicht sogar gemocht. Ein paar Monate später war ich auf dem Weg zur Pflegestation. Da ich verständlicherweise für einen Toilettengang länger benötigte als fünf Minuten, nutzte ich dafür die großen Pausen oder gegebenenfalls Freistunden. Es war ein Freitag und die zweite Pause hatte gerade angefangen. Psychisch saß ich zu dieser Zeit wieder einigermaßen fest im Sattel. Meine Leistungen waren in Ordnung. Ich kam mehr oder weniger gut mit den Lehrern klar und mit den Pflegern und Therapeuten verstand ich mich großartig. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich damals nur die nötigste Zeit in meiner Klasse verbrachte und ansonsten entweder durch die Gänge oder über den Schulhof kurvte. Jetzt fuhr ich also gerade in Richtung Pflegezimmer, um auf die Toilette zu gehen. Da kam ein Mädchen aus der fünften Klasse auf mich zu, welches ich flüchtig kannte. Sie begrüßte mich. Ich erwiderte den Gruß und wollte weiter fahren. Sie stellte sich vor mich und schaltete meinen Rolli aus. Als ich ihn wieder anmachen wollte, hielt sie den Anknopf meines Rollis zu. Wenig später bedeckten ihre beiden Handflächen mein Schaltpult. Ich sagte ihr, dass ich auf die Toilette müsse. Sie sagte: ,,Jaja, du kannst gleich fahren. Jetzt reden wir erstmal." Aber sie redete nicht. Sie grinste nur und beugte ihren Oberkörper dicht an meinen. Ich versuchte immer wieder, meinen Rolli anzumachen, musste es aber bald aufgeben. Ich hoffte, dass irgendwann mal ein Lehrer vorbeikam und mir half. Aber was sollte ich denn dann sagen? ,,Hilfe! Ich bin zu unfähig, mich gegenüber einer Elfjährigen durchzusetzen. Sagen Sie der mal, sie soll meinen Rolli los lassen." Musste ich überhaupt was sagen? Schließlich sah man doch, dass

ich Hilfe brauchte! Das war offenbar nicht der Fall, denn die Schüler strömten an uns vorbei, als sähen sie uns nicht. Zu allem Überfluss zupfte das grinsende glucksende Mädchen nun auch noch an meinem T-Shirt und schaute mir in den Ausschnitt. Das Ertönen eines Gongs zeigte an, dass die Pause nur noch fünf Minuten dauerte. Da kam endlich die vermeintliche Klassenlehrerin des Mädchens und forderte es auf, in seine Klasse zu gehen. Als sie der Aufforderung nachkam und von mir abließ, war mein einziger Gedanke zunächst, dass es nun zu spät war, um auf die Toilette zu gehen und ich wieder in die Klasse musste. Auf der Rückfahrt begann mein Gehirn langsam zu arbeiten. Diese verwöhnte kleine Göre hatte mir meine Pause geklaut! Mir wurde meine absolute Ohnmacht bewusst. Ich fühlte mich wie betäubt. Unendlich traurig und wie betäubt. Als ich in der Klasse war, stellte ich mich an meinen Platz. Je mehr ich über das Geschehene nach dachte, desto mehr spürte ich die Traurigkeit in mir aufsteigen. Meine Augen begannen, zu brennen. Verzweifelt schob ich die Oberlippe nach vorne, um eine Katastrophe zu verhindern. Ich muss erbärmlich ausgesehen haben, denn das Mädchen, das gegenüber von mir saß, fragte: ,,Frau H, alles okay?" Ich traute mich nicht, den Mund aufzumachen, weil ich dann womöglich sofort losgeheult hätte. Also streckte ich nur meinen linken Daumen nach oben. Alles super. In dem Moment kam jedoch unsere Mathelehrerin rein und auf einmal brach alles aus mir raus. Ich heulte wie ein Kindergartenkind, das keinen Lutscher bekam. Glücklicherweise saß meine Schreibhilfe neben mir und fragte mich, ob sie mich in die Pflege zu meiner Lieblingspflegerin bringen soll, damit diese mich tröstet. Ich nickte dankbar. Es ist furchtbar schwer, den Rolli mit einem Tränenschleier vor dem Gesicht aus der Klasse zu fahren. Besonders, wenn man sich am Liebsten in seinem Rolli einigeln möchte. Es war ein ziemlich peinlicher Abgang. Auch der Weg bis zur Pflege war nicht besonders ruhmreich für mich. Bis heute habe ich niemandem außer meiner Mutter erzählt, warum ich geweint habe. Es war bzw. ist mir furchtbar peinlich! Ich selbst finde meinen Zusammenbruch rückblickend total lächerlich. Ich muss jedoch zugeben, dass es immer wieder Situationen gibt und geben wird, in denen mein inneres Ich noch so laut schreit: ,,Stell dich nicht so an!", ich werde letzten Endes doch zusammenbrechen und mir unendlich peinliche Erinnerungen bescheren.

Wenn ich an meine Hauptschulzeit zurück denke, dann sind dies die Highlights, die vor meinem inneren Auge auftauchen. Es soll dadurch aber nicht der Eindruck entstehen, dass alles in dieser Zeit grausam und demütigend war. Ich habe viel Bestätigung und Trost bei den Therapeuten und Pflegekräften bekommen. Außerdem habe ich in Katharina eine treue liebe Freundin gefunden, die mir viel Kraft gegeben hat.

Nach der zehnten Klasse besuchte ich die Oberstufe unserer Schule. Diese konnte auch von "gesunden" Schülern besucht wurden. Anfangs waren ich und ein anderes Mädchen, das aber kurz darauf die Schule abbroch, die einzigen Hauptschüler dort. Ich hatte anfangs ein bisschen Angst, denn ich hatte und habe noch immer großen Respekt vor "Gesunden". Ich versuche, ihnen stets aus dem Weg zu gehen und sie bloß mit keinem falschen Blick zu verärgern. Ich weiß nicht, woran das liegt. Zum Glück hatte ich bis jetzt auch keine negativen Erfahrungen mit "Gesunden", mal davon abgesehen, dass sie mich im Supermarkt oder so ständig anstarren. Also gibt und gab es eigentlich keinen Grund für mein Verhalten und doch hatte ich anfangs Angst vor meinen "gesunden" Klassenkameraden. Ich hatte Angst davor, dass sie mich auslachen, wenn ich den Mund aufmachte und sie meine quakende jämmerliche Stimme hörten. Ich hatte Angst davor, dass sie jähzornig und ungeduldig reagierten, wenn sie mich nicht verstanden. Für mich Grund genug, mich von ihnen fern zu halten. Doch ich musste schnell entdecken, dass diese Taktik nicht aufging, spätestens, als wir in Gruppen eingeteilt worden. Ich merkte jedoch schnell, dass meine Ängste unbegründet waren. Die "Gesunden" waren alle sehr nett zu mir und beachteten meine Behinderung gar nicht. Auf einmal war ich beliebt und wusste gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich hatte das Gefühl, mich auf dünnem Eis zu bewegen und ich bildete mir ein, dass eine falsche Bewegung ausgereicht hätte, um es zum Brechen zu bringen, was es vermutlich gar nicht getan hätte. Ehrlich gesagt genoß ich diese neue Beliebtheit und ich wollte sie auf keinen Fall verlieren. Ich wurde zu Geburtstagen, Feiern und außerschulischen Treffen eingeladen. Eine Sache gab es allerdings in meiner Oberstufenzeit, die ich nicht unerwähnt lassen möchte und zwar wurde ich vom Opfer zum Täter. In meiner Stufe gab es noch ein anderes Mädchen im Rollstuhl namens Carolina. Sie war vorher auf einer anderen Schule gewesen. Deswegen kannte ich sie zu Anfang der elften Klasse noch nicht und hatte auch nicht viel mit ihr zu tun. Allerdings hörte ich die anderen einmal in ihrer Abwesenheit böse über sie lästern und da tat sie mir leid. Ich beschloss, bewusst nett zu ihr zu sein. Also setzte ich mich in den darauf folgenden Pausen zu ihr und redete mit ihr. Ich stellte fest, dass sie ein total nettes Mädchen war, umso mehr schockierte es mich, dass über sie gelästert wurde. Die Zeit verging und ich hatte das Gefühl, dass Carolina sich an mich klammerte und mir keine freie Minute mehr ließ. In jeder Pause wollte sie Händchen halten und über belangloses Zeug zu reden. Ich begann, mit den anderen über sie zu lästern. Ich war richtig fies. Vornerum war ich nett zu Caro, hinter ihren Rücken lästerte ich über sie. Ich zeigte meinen Mitschülern Chat-Gespräche zwischen Caro und mir, ich verriet ihnen, was Caro mir erzählte. RückblRückblickend finde ich es am Widerlichsten, dass ich die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen Caro gegenüber hatte, aber nicht den Mut und die Kraft hatte bzw. haben wollte, aufzuhören. Die Situation spitzte sich zu, als es auf das Abitur zugingen und wir anfingen, uns in Lerngruppen zu treffen. So traf auch ich mich mit ein paar Leuten aus meinem Pädagogikkurs. Caro, obwohl sie auch dazu gehörte, hatten wir nichts von dem geplanten Treffen erzählt. Wir trafen uns also und mussten u.a. Einiges kopieren bzw. ausdrucken. Der Einfachheit halber überließ ich diese Aufgaben meinen Klassenkameraden, da sie bequemer zwischen unserem Arbeitsplatz und meinem Computer wechseln konnten. Blöderweise hatte ich an diesem Tag vergessen, mich vom Chat abzumelden und so wurde ich in dem Moment, in dem zwei meiner Kameraden vor dem Computer hockten, von Caro angeschrieben. Von meinem Platz aus, bat ich sie, Caro zu schreiben, dass ich gerade keine Zeit hätte und mich abzumelden. Später hörte ich ein verdächtiges Gelächter aus meinem Zimmer. Meine Mitschüler sagten mir, was sie geschrieben und was Caro geantwortet hätte. Ich muss leider zugeben, dass ich es auch witzig fand. So schrieben meine Kurskameraden mit Caro und Caro dachte, dass ich es sei. Was danach im Detail passiert ist, weiß ich nicht mehr so genau und jeder Versuch, es zu schildern, würde danach klingen, dass ich mich rechtfertigen will. Ich möchte dennoch kurz draIuf eingehen, wie ich mich gefühlt habe. Es ist bei Weitem nichts, worauf man stolz sein könnte, doch ich hatte mich in den drei Jahren der Oberstufe nicht getraut, Caro vor den Kopf zu stoßen, ihr zu sagen, dass sie mich nicht immer bedrängen soll, dass ich im Grunde genauso bin wie die anderen; schließlich sah ich sie ja jeden Tag. Aber jetzt würde ich sie nur noch zweimal kurz bei den Klausurterminen und ein letztes Mal bei der Abifeier sehen. Ich glaube, ich wollte, dass die Fassade, die ich in den letzten drei Jahren aufgebaut hatte, zu Bruch ging - und ignorierte zunächst, wie weh ihr das tun würde. Ich erinnere mich noch, wie meine Mitschüler Caro ihre Identität preis gaben und ihr erzählten, dass sie sich alle bei mir zum Lernen getroffen. Dann tat ich etwas, das ich im Nachhinein überhaupt nicht verstehe und total abscheulich finde. Ich muss in eine Art Rausch oder so geraten sein. Ich nahm mein Adressbuch und suchte ihnen Caros Telefonnummer raus. Das Problem an der Rolle des Bösewichts ist, dass es schrecklich verführerisch ist, sie zu spielen, man will jedoch nicht dazu stehen. Ich hatte damals wohl mehr Glück als Verstand, denn keiner hatte Caro angerufen. Drei Tage später war der erste Klausurtermin und ich nahm an, dass Caro völlig zu Recht stinksauer auf mich sein würde. Natürlich war das keine angenehme Vorstellung, aber wenigstens wären jetzt die Karten auf dem Tisch und sie würde mich in Ruhe lassen. Das dachte ich zumindest. Aber als ich Caro kurz vor der Klausur fand, freute sie sich, mich zu sehen. Sie machte mir kein schlechtes Gewissen, es war, als wäre nichts passiert. Ich war halb dankbar, halb verwirrt. Ich stellte sogar eine Minute Caros Stolz in Frage. Vielleicht war sie aber einfach nur unendlich gutmütig, wie ein Hund, den man schlägt und der einem trotzdem nie von der Seite weicht. Beim darauf folgenden Klausurtermin sah ich Caro noch ein letztes Mal. Es ging ihr gut, sie fühlte sich gut auf die Klausur vorbereitet und erzählte mir vor der Klausur noch rasch von dem Kleid, das sie sich für die Abifeier bestellte hatte. Wenige Tage später starb Caro. Von einer Mitschülerin erfuhr ich, dass dies gleichzeitig der Tag war, an dem Caros Abikleid eintraf.

Ich entschied mich, nach dem Abitur Pädagogik zu studieren. Das Problem war, dass ich aufgrund meiner Behinderung eine 24-Stunden-Pflege benötige und meine Eltern und, wie ich leider zugeben muss, auch ich selber hatten berechtigte Zweifel daran, dass ich in der Lage war, alleine zu wohnen und einen ambulanten Pflegedienst zu beschäftigen. Bisher hatte ich bei meinen Eltern gewohnt und wurde auch von diesen gepflegt. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir wurden auf ein Studentenwohnheim mit einer stationären Pflegestation aufmerksam, in dem neben "gesunden" auch körperbehinderte Studenten wohnen können. Was ich zutiefst bedaure, ist, dass es solch ein Wohnheim deutschlandweit nur einmal gibt - und das ausgerechnet auf einem mit Kopfstein gepflasterten Berg. Da die Uni dort nicht meine Wunschuni war, aber ich trotzdem vernünftig sein musste, bin ich widerwillig dort hin gezogen. Es war und ist immer noch seltsam und nicht sonderlich angenehm, sich von fremden Männern und Frauen gleichermaßen pflegen zu lassen. Die Fremdheit verflog, das leicht unangenehme Gefühl besteht nach wie vor. Noch von der Oberstufe gestärkt, hatte ich wenig Angst vor der Uni, obgleich ich wusste, dass sich die Behinderten an der Uni wohl nicht stapeln würden. Mulmig wurde mir erst, als mir meine Pfleger sagten, ich müsse mir meine Assistenten in der Uni selber aussuchen. Implizit heißt das, dass ich meine Mitstudenten fragen sollte, ob sie in den Veranstaltungen, die wir gemeinsam hatten, für mich mitschreiben und mir die Jacke an- und ausziehen konnten. Das versprach, ein erstes Hindernis zu werden, aber wenigstens bekam ich für die erste Woche, die Einführungswoche, eine Studienbegleitung vom Studentenwerk gestellt. In meinem Studiengang war ich die Einzige im Rollstuhl, drei oder vier waren sehbehindert, sonst waren alle "gesund". Allerdings fühlte ich mich nicht behindert, niemand starrte mich unentwegt an oder ekelte sich sichtlich vor mir. Ich schämte mich für den Klang meiner Stimme und so vermied ich es möglichst, zu sprechen. Aber wie schon in der Schule, so nahm dieser Plan auch hier ein Ende, als die Gruppenarbeiten begannen. Ich war total überrascht, dass die meisten meiner Gruppenpartner mich schon beim ersten Anlauf verstanden. Diese Erfahrung hätte eigentlich dazu beitragen müssen, dass ich mich im Bezug auf die Assistenzsuche nicht mehr ganz so mulmig fühlte. Dem war aber nicht so. Außerdem kam es mir komisch vor, nach einer Assistenz zu suchen, während ich eine Studienbegleitung im Schlepptau hatte. Am dritten Abend - und das war vielleicht mein Glück - kam meine Studienbegleitung nicht. Vielleicht hatte sie es vergessen, vielleicht nicht. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich mit meinen Mitstudenten alleine. Mal davon abgesehen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich später den Fahrdienst benachrichtigen sollte, dass ich abgeholten werden wolle - Ich traute mich nämlich auf gar keinen Fall, alleine mit ihm zu telefonieren -, entschied ich, dass es nichts bringt, in Panik zu geraten. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Es war "Markt der Möglichkeiten" und an mir sausten und zischten die Studenten nur so vorbei. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert und was den entscheidenden Impuls gegeben hat, aber irgendwann kam mir die Assistenzsuche wieder in den Sinn. Natürlich kam es für mich nicht in Frage, jemanden einfach so anzusprechen, und mein Sprachcomputer steckte in einer Tasche hinten an meinem Rolli. Die einzige Möglichkeit sah ich darin, mein Anliegen aufzuschreiben und es einem, der vorbeilief, unter die Nase zu halten. Kurz, nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, stand ich jedoch vor meinen nächsten Problem: Ich hatte weder Stift noch Zettel bei mir. Allerdings war da noch mein Handy und obwohl ich es wirklich albern war, rief ich ein leeres SMS-Feld auf und tippte eine kleine Botschaft hinein: 'Hast du Lust, dir ein bisschen Geld zu verdienen? Du müsstest mir in den Veranstaltungen, die wir zusammen haben, die Jacke an- und ausziehen, mir meine Sachen geben etc.' Es dauerte eine Ewigkeit und tippte eine äußerst dünne große Studentin an, die gerade in meiner Nähe stand. Kurzerhand gab ich ihr mein Handy. Erst war sie verwirrt und dachte, sie solle es mir einpacken oder so. Aber dann begriff sie und las sich den Text aufmerksam durch. Sie lächelte mich an und sagte: ,,Das klingt auf jeden Fall gut. Wir können ja mal morgen unsere Stundenpläne vergleichen." Dann verschwand sie. Ich habe sie seitdem zwar oft gesehen, wir haben jedoch nie mehr miteinander geredet. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht. Von diesem vermeintlichen Erfolgserlebnis beflügelt, wollte ich nun auf die selbe Art jemanden bitten, meinen Fahrdienst anzurufen. Folglich tippte ich einen entsprechenden Text in mein Handy und hielt Ausschau nach einem sympathisch wirkenden Gesicht. Nach einer Weile machte ich eine hübsche junge Frau auf mich aufmerksam und streckte ihr mein Handy entgegen. Sie las meine Nachricht und rief kurz darauf meinen Fahrdienst an. Bei der Gelegenheit erfuhr ich ihren Namen. Regina. Als Regina das Gespräch beendet hatte, sagte sie zu mir: ,,In einer halben Stunde kommt jemand." Wahrscheinlich war ich über ihr Entgegenkommen so erfreut, dass ich sie kurzerhand mündlich fragte, ob sie meine Arbeitsassistenz sein wolle - und sie verstand mich! Wir verglichen unsere Stundenpläne, stellten jedoch fest, dass wir außer keine Seminare zusammen hatten. ,,Ich kann dir aber dann wenigstens bei den Vorlesungen helfen.", sagte Regina. Meine zweite Arbeitsassistenz und eine sehr liebe Freundin fand ich am Tag darauf in Annika - oder, besser gesagt, sie fand mich. Sie war es, die auf mich zuging und mit mir ohne Hilfsmittel ein Gespräch angefangen. Ich glaube, ich wäre auch alleine darauf gekommen, aber meine damalige Studienbegleitung riet mir, Annika zu fragen, ob sie meine Arbeitsassistenz sein wolle. Das tat ich und Annika war einverstanden. Wir verglichen unsere Stundenpläne. Im Gegensatz zu Regina hatte Annika fast alle Seminare mit mir zusammen.

Wie schon angeklungen, verfügt das Wohnheim, in dem ich wohne, über einen Fahrdienst. Allerdings machte ich nicht lange davon Gebrauch. Man musste immer eine halbe Stunde vor Abfahrt da sein, in Vorlesungen und Seminaren hoffen, dass die Dozenten nicht überzogen und man konnte sich danach nicht großartig mit Freunden unterhalten oder spontan was unternehmen. Außerdem war man ja verständlicher- und logischerweise nicht die Einzige, die gefahren werden wollte und es nervt einfach, wenn man ständig überall anhalten muss. Ich war ziemlich unzufrieden mit der Situation, stellte allerdings sehr schnell fest, dass ich bestimmte Unigebäude mit dem Rolli alleine erreichen kann und dafür teilweise sogar weniger Zeit brauche, als mit dem Fahrdienst. Zum Hörsaalgebäude beispielsweise brauche ich nur 10-15 Minuten. Wenn ich den Fahrdienst in Anspruch nehmen würde, dann müsste ich erstens eine halbe Stunden früher mein Zimmer verlassen, zweitens, wenn es kalt draußen ist, mindestens eine halbe Stunde davor einen Pfleger rufen, der mir in die Jacke hilft. Das ist auch so ein Problem: Ich weiß ja nie, wer Dienst hat und wer dann letztendlich zu mir kommt. Hinzu kommt, dass manche länger als andere brauchen, um mir die Jacke anzuziehen. Einige sind binnen 10 Sekunden fertig, andere brauchen 20 Minuten. Wenn ich dann mal Glück habe und auf mein Klingeln hin kommt einer, der nur 10 Sekunden braucht, habe ich trotzdem eine halbe Stunde vorher geklingelt, denn so ist es ja besser als andersrum. Allerdings muss ich dann in der verbleibenden Zeit in meiner Jacke schwitzen. Alleine zu fahren, bedeutet für mich ganz viel Freiheit. Ich kann losahren, wann ich will, ich kann auf dem Rückweg spontan einkaufen oder auch durch den Botanischen Garten kurven. Vielleicht könnte man das als kindisch oder bockig bezeichnen, aber diese Freiheit bedeutet mir so viel, dass ich auch mal durch Regen oder Schnee fahre. Eine Situation gibt es, die besonders prägend für mich war und die ich auf keinen Fall wieder erleben will! Man muss dazu sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon fast alle meine Ziele alleine anfuhr. Nur an diesem Tag hatte ich eine Sprechstunde mit einem Professor und 15 Minuten danach ein Seminar. Ich vermutete, dass ich, wenn ich alleine fuhr, zu spät zum Seminar kommen würde. Zudem hatte ich keine Zeit mehr, die Strecke abzufahren und die Zeit zu messen - Das mache ich manchmal am Wochenende. Ich entschied mich, kein Risiko einzugehen und mich fahren zu lassen. Widerwillig quälte ich mich also am Vortag ins Pflegerzimmer. ,,Ich will morgen um 12 in der Bunsenstraße abgeholt und zum Schwanhof gebracht werden.", ließ ich ins Fahrtenbuch eintragen. Am nächsten Tag ging ich zur Sprechstunde und wartete danach auf den Fahrdienst, der dann auch kam. Zu meinem Schreck bestand dieser aus einem Praktikant und einer Aushilfe, die gerade ganz neu angelernt worden ist. Der Praktikant war mir relativ egal, die Aushilfe fand und finde ich grässlich und furchtbar anstrengend. Na ja, da musste ich halt durch. Während der Fahrt merkte ich, dass wir statt in die Richtung des Schwanhofs in die Richtung des Wohnheims fuhren. Erst hoffte ich noch, dass die neue Aushilfe vielleicht eine Abkürzung kannte oder sich kurz mal verfahren hatte. Dann wurde ich nervös - und langsam auch sauer. Ich hatte doch extra eintragen lassen, dass ich zum Schwanhof wollte! Außerdem verstrich die Zeit immer mehr. Ich hatte keine Lust, den Fahrer, diese anstrengende fahrige Aushilfe mit den schrecklichen Namen, anzusprechen, aber wir näherten uns dem Heim immer mehr, also blieb mir keine andere Wahl. ,,Ääh.", versuchte ich den Fahrer auf mich aufmerksam zu machen. ,,Ääh...Hallo." Da endlich nahm er im Rückspiegel Blickkontakt zu mir auf. ,,Is' was?" ,,Wir fahren doch zum Schwanhof, oder?", versuchte ich so deutlich zu sagen, wie es mir auf der holprigen Fahrt möglich war. Noch bevor ich den Satz beendet hatte, gröllte der Fahrer beschwingt: ,,Ich versteh dich leider nicht" und fuhr um die nächste Kurve. Der Praktikant blickte geradeaus, als hätte er von alldem nichts mitgekriegt. Sicherlich klingt das für alle anderen albern, aber ich spürte wieder diesen Stich in der Magengegend und ich fühlte mich in dem Bus gefangen. Wenn ich alleine unterwegs gewesen wäre, hätte ich selbst entscheiden können, wohin ich fahre und es wäre egal, ob mich jemand versteht oder nicht. Als wir im Wohnheim ankamen und ich wutentbrannt zum Aufzug raste, kam mir einer von den älteren Fahrern entgegen und wunderte sich laut, dass ich schon wieder da sei. Eigentlich mag ich diesen Fahrer sehr gerne, doch in dieser Situation speiste ich ihn nur mit einem grimmigen Nicken ab. Ich bin dann halb wütend und halb weinend doch noch alleine zum Schwanhof gefahren, kam natürlich viel zu spät. Ich weiß nicht, ob die anderen Pfleger je von diesem Sachverhalt erfaahren haben. Das ist mir auch egal. Ich weiß nur, dass ich diese Abhängigkeit zutiefst hasse und ich mich ihr, wenn es irgendwie möglich ist, nicht noch einmal ausliefern will. Es ist mir auch wichtig, alleine einzukaufen. Es gibt bei uns im Wohnheim alle zwei Tage außer am Wochenende eine Einkaufsfahrt. Die Bewohner schreiben auf, was sie brauchen, legen einen gewissen Geldbetrag dazu und ein Pfleger geht dann einkaufen und besorgt diese Dinge. Ich habe die Einkaufsfahrt ein-, vielleicht zweimal in Anspruch genommen. Ich kann nicht genau benennen, warum, aber ich hasse es absolut, ins Pflegerzimmer zu fahren und in diesem Fall meine Einkaufsliste abzugebenn. Vielleicht liegt es an den Blicken, die sich auf mich richten, sobald ich reinkomme, vielleicht auch nicht. Das war der Hauptgrund, warum ich alleine einkaufen wollte. Ein anderer Punkt, auf den mich Regina etwas später - da war ich aber schon längst erprobte Einkäuferin - gebracht hat und den Außenstehende vielleicht besser nachvollziehen können, ist, dass man ja auch lieber selber die Preise vergleichen will usw. Ich muss zugeben, dass ich vor meinem ersten eigenständigen Einkauf ein wenig Angst hatte. Ich kann ja die gekaufte Ware nicht alleine in die Tasche, die hinten am Rolli hängt, packen. Folglich musste ich die Kassiererin darum bitten. Manche -, leider sehr wenige, - machen das automatisch, andere lassen sich Zeit, dein Anliegen zu verstehen und handeln dementsprechend und wieder anderen ist es zu anstrengend, dir zuzuhören und du wirst im wahrsten Sinne des Wortes wie am Fließband abgefertigt. Zu jeder dieser drei Situationen fallen mir Beispiele ein. Es bedurfte einiger Erprobungen und Enttäuschungen, aber inzwischen habe ich ein Lebensmittel-Geschäft gefunden, wo mich die Verkäufer mittlerweile kennen und mir auch teilweise automatisch meine Einkäufe einpacken. Wie sich bereits jetzt rauskristallisiert haben müsste, habe ich gerne die Macht über mich selbst. In meiner Lage kommt es jedoch leider oft vor, dass ich diese Macht jemand anders überlassen muss und ich kann mir nicht aussuchen, wen. Das ist spätestens der Fall, wenn ich auf die Toilette muss oder ins Bett möchte. In dem Moment, in dem man mich aus dem Rolli hebt, bin ich vollkommen machtlos. Ich habe mal eine Hausarbeit über Vertrauen in der Behindertenpflege geschrieben und ich glaube, nach wie vor, dass Vertrauen ein Luxus ist, den sich viele nicht leisten können. Was ich damit meine, ist, dass man sich seinen Pfleger bzw. seine Pfleger selten aussuchen kann, und das bedeutet wiederum, dass man sich nicht aussuchen kann, wem man vertraut. Ich habe von wenigen weiblichen Bewohnern gehört, dass sie darauf bestehen, nur von Frauen gepflegt zu werden. Das ist zwar sehr schön, aber in der Praxis sind die männlichen Pfleger und Aushilfen bei uns in der Überzahl und sehr häufig gibt es Dienste, wo beispielsweise vier Männer und nur eine Frau eingeteilt sind. Als ich etwa in der 9. Klasse war, habe ich eine Kur gemacht und als ich dort das erste Mal auf die Toilette ging, merkte ich, dass da keine gleichgeschlechtliche Pflege gilt. Weil ich das von der Schule nicht kannte und mich zutiefst unwohl damit fühlte, ging ich zu meiner dortigen Psychologin. Ich erzählte ihr, was vorgefallen war und dass ich das nicht möchte. Sie erklärte mir, dass das manchmal eben nicht anders ginge und dann zählte sie mir unterschiedliche Gründe auf, warum das so sei. An dieser Stelle weigerte ich mich jedoch zuzuhören. Es ging hier doch nicht um irgendwelche kleinen Kompromisse, sondern um meine Pflege. Wenn ich mich schon nicht alleine pflegen kann, habe ich doch wenigstens das Recht, mich dabei wohl zu fühlen! Das dachte ich zumindest. Nun gut, eins nach dem anderen. Ich hatte sehr großes Glück mit meiner Psychologin, denn sie sagte, sie könne mich trotz allem verstehen und werde mal mit meinem Pflege-Team reden. Vielleicht könne man da was machen, aber sie könne mir nichts versprechen. Es geschah tatsächlich etwas: Ab sofort pflegten mich nur noch Frauen und ich war stolz, dafür gekämpft zu haben. Eines Tages jedoch, in der Mittagspause, war nur ein männlicher Pfleger auf der Station und ich musste, wie es manchmal so ist, plötzlich dringend auf die Toilette. Ich hatte schon Tränen in den Augen und meiner Zimmergenossinnen scharten sich um mich. Auch wenn ich es vor ihnen nicht zugeben wollte, hatten sie mir ziemlich schnell entlockt, was los war. Sie waren alle mindestens zwei Jahre jünger als ich und konnten mir logischerweise nicht groß helfen, aber sie versuchten, mich zu trösten und zum Durchhalten anzuspornen. Natürlich bekam auch der männliche Pfleger Wind davon. Er sagte zu mir: ,,Tja, du wolltest es ja nichts anders. Die nächste Pflegerin kommt erst um 2. Hm...Ja, weiß ich auch nicht. Steck solange 'n Korken rein." Seitdem ist es mir egal, wer mich pflegt, ob männlich oder weiblich. Natürlich bevorzuge ich es, von Frauen gepflegt zu werden, das dürfte mich hoffentlich noch zugestanden werden. Aber wenn grad keine Frau da ist, muss

es eben ein Mann machen. Ich find, man gewöhnt sich da auch recht schnell dran. Man muss sich immer vor Augen führen, dass Männer ja auch nichts dafür können, dass sie Männer sind. Ich denke, so eine Situation ist für beide Seiten unangenehm. Schließlich ist es ja für die Männer auch nicht schön, wenn du wissen: 'Oh Gott, die hätte jetzt lieber eine Frau und nimmt nur mit mir vorlieb, weil grad keine da ist.' - Wahrscheinlich denken die das auch gar nicht, aber die Vorstellung davon tröstet mich. - Aber wenn beide Seiten sich bemühen, so normal wie möglich mit der Situation umzugehen, ist sie gar nicht mehr so schlimm. Mittlerweile ist das für mich auch überhaupt nicht mehr unangenehm. Was ich allerdings schrecklich unangenehm finde und wohl immer unangenehm finden werde. Ich hasse es, wie manche Pfleger, aber vor allem die Aushilfen über meinen Körper sprechen und wie sie gewisse Körperteile von mir benennen. Bestimmt meinen sie das nicht böse. Vielleicht sind sie mit diesen Wörtern aufgewachsen und finden sie ganz normal. Ich aber finde sie abwertend und beleidigend. Ich wundere mich ständig, was Worte für eine Macht haben und ich wünsche mir so sehr, dass ich dieses Empfinden in meinem Kopf abstellen könnte, aber es gelingt mir nicht und so kommt es, dass ich Leute, die ich außerhalb der Pflege sehr sympathisch fand, innerhalb kürzester Zeit ablehne und mich freue, wenn sie keinen Dienst haben. Es gibt einen Fahrer, der wie alle Fahrer in der Pflege mit arbeitet, und ebenfalls solche 'Ausdrücke' benutzt. Dieser Fahrer ist eine sehr nette, kompetente Person, die viel von Technik versteht und mich stets abschleppt, wenn mein Rolli mal wieder eine Panne hat. Aber seit ich weiß, dass er diese Ausdrücke benutzt, finde ich ihn größtenteils unsympathisch. Ich ärgere mich selber über meine Naivität. Die Sprache bzw. die Ausdrucksweise ist doch eigentlich nur eine Kleinigkeit, die die in diesem Fall Qualität der Arbeit keinesfalls mindert. Objektiv zumindest. Ich bin mit der qualitativen Arbeit der Pfleger und Aushilfen sehr zufrieden. Ich bin der Auffassung, dass das, was sonst noch dazu kommt (Smalltalk usw.) nur zusätzlicher Bonus ist, den ich aber nicht immer erwarten darf. Deswegen trau ich mich auch nicht, mich zu beschweren. Zudem möchte ich natürlich von den Leuten, die mich pflegen, gemocht werden. Sie sollen gern zu mir kommen, was zur Zeit glücklicherweise der Fall ist. Die Atmosphäre zwischen mir und meinen Pflegern soll nicht angespannt sein. Sie sollen nicht dauernd überlegen müssen, was sie sagen und was nicht. Mag sein, dass diese Einstellung nicht gerade heldenhaft ist, aber ich muss ja damit leben, nicht andere. Was machst du zum Beispiel, wenn du geduscht werden willst, bereits nackt auf dem Duschstuhl sitzt und deine Betreuerin einen Anruf kriegt, woraufhin sie dann erstmal eine halbe Stunde telefoniert und dich danach mit sichtlich schlechten Gewissen fragt, ob du jetzt sauer bist? Ich gebe zu bedenken: Du bist noch nicht geduscht, du bist an den Duschstuhl gefesselt und alle Klingeln sind außer Reichweite. Sicher, es gibt behinderte Menschen, die dann sagen würden: 'Ja, ich fand das nicht okay.' Aber wie wäre es dann weitergegangen? Meinetwegen wärest du trotzdem abgeduscht worden, aber die Atmosphäre wäre eisig gewesen. Und das wäre ja auch nicht, dass diese Betreuerin zu dir käme. Da musst du dich doch fragen: Willst du dir und deinem weiteren Leben in diesem Heim wirklich antun? Oder vergisst du einfach das Geschehene und spielst die Lässige? Tja, ich hab mich für Letzteres entschieden. Möglich, dass meine Würde dadurch ein bisschen angeknackst wurde, aber das Verhältnis zwischen mir und dieser Aushilfe hat seitdem sehr positiv gefestigt und das war es mir wert.

Woran man sich zweifellos als Rollstuhlfahrer gewöhnen muss, sind Barrieren. Davon wimmelt es, überall, mal mehr, mal weniger. In Marburg wohne ich in der Oberstadt, auch Altstadt genannt. Wie der Name schon sagt, ist dort alles alt. Mein Wohnheim liegt auf einen Berg und das schon seit Ewigkeiten, was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, wie viele Leute sich darüber aufregen, dass man ein Heim für Behinderte ausgerechnet auf einem Berg baut. Wenn ich das Wohnheim verlasse, fahre ich immer nach links, weil rechts die Straße relativ steil runtergeht. Wenn ich nach links fahre, geht die einigermaßen asphaltierte Straße in grobes holpriges Kopfsteinpflaster über. Kurz nachdem ich durch den steinernen Torbogen gefahren bin, lauert mein erstes Hindernis. Auf der rechten Seite geht es in eine äußerst steile Gasse hinab. Jedes Mal, wenn ich auf den Heimweg daran vorbeifahre, spielt mir meine Psyche einen Streich. Ich kann nicht erklären, woran es liegt. Auf dem Hinweg, wenn diese Gasse also rechts von mir liegt, ist das überhaupt kein Problem. Wenn sie allerdings links von mir ist, bekomme ich riesige Panik. Meine Hände verkrampfen sich dann und mein Oberkörper wird wie von einer unsichtbaren Hand noch vorne geworfen. Durch die einschießende Spastik verlässt dann auch mein linker Fuß das Fußbrett und dann habe ich kaum noch Sicherheit. Da mein Oberkörper ja nach vorne geworfen ist und meine Arme weit von meiner Steuerung entfernt sind, hänge ich so manchmal minutenlang fest, bis ich mich gesammelt und beruhigt hab. Dann kann ich meinen Joystick Stück für Stück anstupsen und nach einer Weile endlich die Straße erreichen. Das ist ein zutiefst ätzender Vorgang, der zusätzlich erschwert wird, wenn von vorne oder von hinten Autos kommen, die manchmal sogar hupen. Ich weiß nicht, was da mit meiner Psyche los ist, aber ich weiß, dass es nervt! Mir tun die Leute immer so leid, die tatsächlich stehen bleiben und fragen, ob man mir helfen kann. Stets sage ich dann 'Nein'. Erstens ist das erfahrungsgemäß das einzige Wort, das ich sagen kann und das zuverlässig von jeden verstanden wird, und zweitens wüsste ich gar nicht, wie man mir helfen kann. Man könnte neben mir hergehen, seltsamerweise hab ich dann nämlich keine Angst mehr. Aber wie sollte ich das formulieren - vorausgesetzt, die Leute würden mich verstehen? Und dass Wildfremde mich verstehen, ist sehr unwahrscheinlich. Klar, ich könnte es versuchen - , so ungefähr wie damals im Bus. Die meisten Reaktionen auf sowas sind sich nämlich verblüffend ähnlich. Ein immerhin großer Teil der Leute versucht wenigstens, mich zu verstehen. Ein etwas kleinerer will nicht zugeben, dass er mich nicht verstanden hat, und sagt ,,Ja". Der Rest geht, ohne stehen zu bleiben, einfach an mir vorbei. Letzteres würde dann nur noch mehr wehtun und dem will ich mich nicht aussetzen. Seit ich in der Uni bin, versuche ich, möglichst regelmäßig in die Kirche zu gehen. Erst wollte ich in eine Kirche in der Oberstadt, doch die ist leider absolut rollstuhlsicher. Auf den vielen Treppenstufen liegen zwar zwei steinerne Schienen paralell zueinander - wohl, um sagen zu können 'Wieso? Wir haben doch eine Rampe." -, doch die sind mir viel zu steil und zu schmal. Außerdem, was wenn ich mal nicht 100%ig geradeaus steuere und dann mit einem Rad im Zwischenraum zwischen den Schienen hänge? Nein, nein, lieber gehe ich in eine andere Kirche in der Stadt. Die hat auch eine viel breitere Rampe und die Gemeinde ist äußerst liebenswert. Was mich daran nur stört, ist, dass die Tür nicht elektrisch ist. Meistens, wenn ich komme, ist sie zu und sie ist viel zu schwer, als dass ich sie alleine öffnen könnte. - Bei manchen Türen krieg ich das nämlich hin. Am Praktischsten ist es, wenn die Türen nicht von alleine zufallen. Dann ist das ganz einfach. Ich stelle mich seitlich an die jeweilige Tür, drücke mit der linken Hand die Klinke runter, sodass sie aufspringt. Dann fahre ich mehrmals, Schritt für Schritt, nach hin, bremse und ziehe an der Klinke. Das funktioniert ganz gut. Mittlerweile schaffe ich das bei Türen, die zu fallen, auch so ähnlich. Allerdings muss man da schnell sein. Ich halte mit der linken Hand, drücke den rechten Arm gegen den Joystick, und wenn die Tür weit genug auf ist, strecke ich meinen linken Fuß nach vorne, stecke ihn zwischen die Tür und dann übernimmt meine linke Hand wieder den Joystick, um die Tür zur Seite aufzustoßen, den Rollstuhl zu drehen und ihn rückwärts durch die Tür zu befördern. Das ist sicherlich ein bisschen schmerzhaft und nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber es ist eine Lösung und ich bin zugegebenermaßen ein wenig stolz, dass ich sie ausführen kann. - Was soll´s, dann warte ich eben, bis die anderen Kirchgänger kommen und mir aufmachen. Manchmal sieht mich auch der Küster und öffnet mir von drinnen. Also, alles kein Drama. Man muss nur geduldig sein. Einmal, im Sommer, bin ich wieder mal zur Kirche gefahren und in der Kirche merkte ich, dass meine Schraube vom Tisch weg war. Ich dachte: ,Die hab ich bestimmt unterwegs verloren.' und ,Die ist jetzt sicher weg', trotzdem hab ich auf der Heimfahrt die Straße mit den Augen abgesucht und - tatsächlich! In der Oberstadt auf dem Kopfsteinpflaster lag sie. Bloß war gerade niemand in der Nähe, der sie mir aufheben gekönnt hätte. Ganz kurz überlegte ich, ob ich ins Wohnheim fahren und jemanden herholen sollte, aber das kam mir dann doch sehr lächerlich vor. Irgendwann würde schon jemand vorbeikommen, dachte ich mir, und dann würd ich ihn auf mich aufmerksam machen und auf die Schraube zeigen. Der Betreffende würde schon verstehen, dass ich sie haben wolle. Also stellte ich mich quer neben die Schraube, um die Straße überblicken und mit der linken Hand auf die Schraube zeigen zu können. Es dauerte eine Weile, dann näherte sich mir endlich ein Ehepaar. Als es auf meiner Höhe war, hob ich mit flatternden Herzen zum Sprechen an. ,,Entschuldigung,", rief ich, laut, aber nicht unbedingt in der Erwartung, verstanden zu werden. ,,Mir ist das runtergefallen." Ich zeigte auf die Schraube. Das Ehepaar zuckte nicht mal. Beide, der Mann und die Frau, hatten den Blick starr auf den Horizont gerichtet und noch nicht mal ihr Tempo verlangsamt, als ich angefangen hatte, zu sprechen. Es war, als wäre ich gar nicht da, als hätte das kleine behinderte Mädchen in dem Moment, als sie an ihm vorbeigingen, einen spastischen Anfall oder so bekommen, der aber nicht ihr Problem war. Ich war in diesem Moment zu fassungslos, um erneut anzusetzen, und ich brauchte zu lange, um das Geschehene zu verarbeiten. Rückblickend denke ich, ich hätte stehen bleiben und es bei anderen Passanten nochmal probieren sollen, aber ich hatte keine Lust mehr und im Grunde war es ja nicht so wichtig.




























































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