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Dreiundzwanzig.

Seit meinen Umzug in ein selbstbestimmtes Leben mit Assistenz finde ich es ziemlich spannend, wie sehr ich über mich selbst ins Nachdenken gerate und mir beispielsweise einige alte Denkweisen neu zurecht legen muss. Dabei geht es um den Umgang mit Assistenz. "Früher", bis vor einem halben Jahr fand ich es befremdlich, wie ein paar behinderte Menschen, die mir begegneten, mit ihren Assistenten umgingen; sie wie Luft behandelten und ich spüre noch deutlich, dass ich mir wünschte, niemals so zu werden - Schließlich sind die Assistenten doch menschliche Wesen und keine seelenlosen Roboter, die einfach ohne jegliche Beachtung "funktionieren". Immerhin überkam mich in solchen Momenten gleichzeitig aber auch eine leichte Woge der Bewunderung. Ich meine, wenn man mal ganz knallhart ehrlich ist, ist so ein Verhalten - wenn Behinderte ihre Assistenten wie Roboter bzw. einfach wie ihre Arme und Beine behandeln - doch in gewisser Weise beflügelnd für Inklusion. Und ich meine, theoretisch, ganz trocken und gefühlskalt gedacht werden die Assistenten ja dafür bezahlt, die Arme und Beine der Behinderten zu ersetzen und das ist i.d.R. alles - außer man hat jemnden, der außerdem noch geistige Unterstützung braucht, aber darum geht´s hier nicht. Auf jeden Fall ist das, denke ich, zumindest ein Bestandteil der Theorie, wie Inklusion funktionieren könnte.  Praktisch wurde ich glücklicherweise dazu erzogen, keinen Menschen wie einen seelenlosen Roboter zu behandeln, insbesondere, wenn dieser Mensch so wertvoll für einen ist. Nun ja, allerdings sollte ich auch an dieser Stelle meine Lektion lernen. Der 1. Oktober kam und ich hatte endlich meine 24-Stunden-Assistenz sicher. Doch so sehr ich mich darüber freute und immer noch freue, so sehr musste ich auch feststellen, wie unheimlich das ist; wenn man jeden Tag rund um die Uhr jemanden in der Wohnung sitzen hat, der einen am besten noch erwartungsvoll anguckt. Klar, ich wusste immer, dass ich die Assistenz ruhig auch mal tagsüber wegschicken "darf". Aber irgendwie wollte ich sie ja auch nicht aus meiner Wohnung werfen. Und wohin überhaupt? Und würde sie sich da nicht furchtbar langweilen? Am Anfang hielt ich energisch an meinem Vorhaben fest, meine Assistenten nie wie Roboter zu behandeln - und merkte schnell, wie unglücklich ich damit war; wenn ich vor lauter idiotischen Verantwortungsgefühl meinen Assistenten gegenüber meine eigenen Vorstellungen, wie ich den Tag gestalten will, schleifen ließ; wenn ich mich nicht traute, meine Musik zu hören oder meine Sendungen zu gucken. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich um meine Assistenten kümmern, sie "bespaßen", sie bei Laune halten. Ich hatte zu Beginn wahnsinnige Schwierigkeiten, meine Assistenten links liegen zu lassen, auch, wenn sie im selben Raum wie ich sind. Das fällt mir jetzt immerhin nicht mehr ganz so schwer, auch wenn es immer noch ein komisches Gefühl ist. Ich traue mich inzwischen auch mal ab und zu Musik zu hören, obwohl meine Assistentin in der Wohnung ist. Mit den Fernsehsendungen ist es schwieriger, aber auch da kann ich Fortschritte vermerken. Das Wegschicken fällt mir in gewissen Situation immer noch sehr schwer und ich bin zugegebenermaßen sehr dankbar, wenn meine Assistenten, wenn ich Besuch bekomme oder so, von sich aus anbieten, sich mal ein paar Stunden in mein Schlafzimmer zurückzuziehen oder bei gutem Wetter spazieren zu gehen. - Ich muss also immer noch sehr viel lernen. Ich finde sowohl diesen, wenn man so will, Entwicklungsprozess sehr spannend, als auch die Tatsache, dass die mögliche Inklusion in diesem Fall einzig und allein an mir bzw. an meiner Einstellung scheitert. Zumindest im Moment.
11.3.16 10:59


Zweiundzwanzig.

Ich bin mit Abstand keine Expertin auf dem Gebiet ,Mit Behinderung selbstbestimmt leben' oder so. Ich habe weder diverse praktische Erfahrungen damit gesammelt, noch habe ich mich gründlich darüber informiert bzw. in alle Richtungen recherchiert. Deswegen ist es auch mehr als anmaßend, wenn ausgerechnet ich darüber schreibe. Das ist mir klar. Aber ich möchte ja an dieser Stelle ausschließlich von meinen subjektiven Empfindungen schreiben, völlig unabhängig von einem wissenschaftlichen, auf Fakten basierenden Kontext.

Zu einem kleinen Bruchteil bilde ich mir ein, dass ich längst nicht mehr so naiv und blauäugig bin wie noch vor einem halben Jahr, als ich zum Beispiel noch dachte, dass Rollstuhlfahrer, die sich nicht alleine pflegen und versorgen können, immer der Pflegestufe 3 zugewiesen werden. Lächerlich. Eine Bekannte von mir sitzt im E-Rolli, kaann nicht alleine kochen, putzen, auf die Toilette gehen, ins Bett gestern, aufstehen, sich anziehen, sich ausziehen, hat aber nur Pflegestufe 2 bekommen, weil das ja vollkommen ausreicht. Wofür braucht so eine denn 24 Stunden Assistenz am Tag, wenn es doch auch mit ein paar Stunden auch getan ist. Und da fängt sie wieder an. Die Beschneidung der Inklusion i.d.F. seitens der Krankenkassen. Wird dem Behinderten, der sich nicht alleine versorgen kann nur eine bestimmte Anzahl an Assistenzstunden genehmigt, muss der nämlich anfangen, seinen Tagesablauf danach auszurichten und nicht seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechend. Das wäre ja auch ein bisschen dreist, (so oft) auf die Toilette zu gehen, wann (/wie) er will, zu essen und zu trinken, wenn er es will, ins Bett zu gehen, wann er will, ausschlafen und spontan spazieren zu wollen. Allein die Vorstellung, dass Behinderte ihren Tag gerne frei gestalten möchten, ist doch völlig absurd! Und dennoch, das muss ich leider zugeben, hätte das Mädchen, das ich noch vor einem halben Jahr war, es als lachhaft übertrieben empfunden, dass die 24-Stunden-Assistenz für Behinderte einen wahrhaften Luxus darstellt. So ist es aber, ganz im Ernst: Ich kann von Glück sagen, dass ich meine 24-h-Assistenz bewilligt bekommen habe und meinen Tag frei gestalten kann. Jedenfalls meistens. Da ich im Anbetracht meiner Vollzeitassistenz sehr privilegiert in der - Ich sag´s jetzt einfach - Welt der Behinderten erscheine, wirkt das, was jetzt kommt, vermutlich wie Jammern auf ganz hohem Niveau. Das ist mir sehr bewusst und dennoch beschleicht mich in letzter Zeit das ärgerliche Gefühl, dass der Pflegedienst meinen Tagesablauf selten, aber dennoch hin und wieder, teilweise fremdbestimmt gestalten will. Das ist nichts ganz so Neues für mich. Im Oktober, als ich hier einzog, wurde ich quasi jeden Morgen vom Pflegedienst fremdbestimmt. Die Theorie war, dass in den ersten Wochen jemand vom Pflegedienst meine jeweilige Assistentin dabei anlernen sollte, mich morgens aus dem Bett zu holen und fertig zu machen. Das war die Theorie. Die Praxis war, dass dieser Jemand vom Pflegedienst morgens nie vor halb 9, eher 9 kommen konnte und dass meine Assistenten diejenigen waren, die die vom Pflegedienst anlernten. Glücklicherweise konnte ich den Pflegedienst dazu überreden, keine Leute mehr von sich zur morgendlichen Grundpflege vorbeizuschicken, sodass meine Assistenten mich jetzt morgens immer alleine aus dem Bett holen, sogar schon vor halb 9. Es ist extrem schön für mich, jetzt auch mal morgens um 9.30 in die Kirche kann oder in der Lage bin, frühe Termine wahrzunehmen. Morgen hab ich beispielsweise so einen Termin um 8.45 Uhr. Wenn der Pflegedienst immer noch die Grundpflege bei mir machen würde, hätte ich ihn absagen müssen. Das, was mir bei dieser ganzen Geschichte am meisten aufgefallen ist, ist, dass der Pflegedienst scheinbar automatisch angenommen haben muss, dass ich arbeitslos bin. Er hat mich, soweit ich weiß, nicht mal gefragt, ob es morgens eine bestimmte Uhrzeit gibt, zu der ich aus dem Haus muss. Auch scheint er nicht davon auszugehen, dass ich meine Wohnung tagsüber verlasse, um etwas zu unternehmen.

Auch wenn der Pflegedienst sich nicht mehr um meine Grundpflege kümmert, worüber ich sehr glücklich bin, schickt er bisweilen Personal in meine Wohnung, um Dokumente (Leistungsnachweise) abzuholen oder zu -liefern. Dagegen habe ich nicht das Geringste. Was mich aber stört, ist die Tatsache, dass dieses Personal absolut kurzfristig und selbstverständlich am Morgen des selben Tages angekündigt wird und ich dann, wenn ich noch zu Hause bin, so lang an die Wohnung gebunden bin, bis dieses Personal aufgetaucht ist! Letzte Woche Dienstag war ich meiner Assistentin in der Stadt, als diese von der Sekräterin vom Pflegedienst angerufen wurde, die ihr sagte, dass jemand vor meiner Tür stünde und die Leistungsnachweise abholen wolle. Und das ohne irgendeine Vorankündigung. Also, tut mir leid, für mich erzeugt das schon den Eindruck, dass der Pflegedienst denkst, dass ich so oder so den ganzen Tag in der Wohnung sitze und nichts mit meiner Zeit anzufangen weiß.    

7.3.16 10:26


Einundzwanzig.

Ich habe an dieser Stelle lange nichts mehr von mir hören lassen. Zum Großteil ist das meiner Faulheit geschuldet, aber auch ein bisschen dem Umstand, dass ich in letzter Zeit überwiegend mit meiner Assistenz unterwegs bin und mir so die ein oder andere Diskriminierung gegenüber Behinderten in der Gesellschaft nicht mehr unmittelbar präsent ist. Meistens jedenfalls. Ich gebe das nur ungern zu, aber ich für mich denke, dass Menschen mit Behinderung es mit einer Assistenz an der Seite in der Gesellschaft leichter haben als ohne. Irgendwie ziemlich bitter, finde ich. Aber ich glaube, ich bin gerade dabei, das zu akzeptieren. Mein Wunsch wäre es, dass sich Behinderte - na ja, zumindest Körperbehinderte - als eigenständige und einzelne Personen in der Gesellschaft bewegen und sich auf die Unterstützung der anderen Personen verlassen können. So, wie ich es z.T. in Marburg und Rheinbach gemacht habe. Für mich persönlich lässt sich festhalten, dass diese Variante durchaus möglich, aber auf Dauer leider nicht realitätsnah ist. Zum Beispiel genieße ich es im Moment, ganz sicher zu wissen, dass ich, wenn mir auf der Straße, im Zug, im Supermarkt oder sonst wo draußen etwas runterfallen sollte, meine Assistenz im Schlepptau habe, die es mir aufhebt; Ich genieße es, einkaufen zu gehen und währenddessen kein mulmiges Gefühl im Magen zu haben, weil ich nicht genau weiß, ob ich an der Kasse eine liebe Seele finde, die mir die Einkäufe in die Tasche packt.

Das alles bedeutet aber nicht, dass ich, nur, weil ich nun eine Assistenz habe, plötzlich eine rosarote Brille auf habe und Inklusion nicht mehr als Illusion sehe. Ein Paradebeispiel, das sich mir hier geradezu aufdrängt, ist der Bonner Hauptbahnhof (tief). Ich habe zwar nicht so viel Erfahrung mit solchen, aber ich glaube, dass Bahnhöfe allgemein große Stolpersteine für Inklusion darstellen (können): Sehr enge Aufzüge, von denen es jeweils nur einen gibt, der hin und wieder schlicht ausfällt. Na ja, und am Bonner Hauptbahnhof (tief) gibt es überhaupt gar keinen Aufzug. Das klingt zwar fast wie ein Scherz, ist es aber leider nicht. Der einzige Weg nach oben zu den Aufzügen, die einen zu den Gleisen bringt, führt über eine - immerhin! - flache Rolltreppe. Das ist wirklich wahr! Und wenn man sich an dieser Stelle immer noch einbildet, dass in dieser Gesellschaft wirklich jeder an einem Strang zieht, um die Inklusion voranzutreiben, sollte man auf den Aufkleber an der Rolltreppe schauen, auf dem ein Kinderwagen - immerhin kein Rollstuhl! - durchgestrichen ist.    

 

18.2.16 19:09


Zwanzig.

Das Folgende ist etwas ganz Allgemeines, denn ich finde, dass das zwischendurch auch mal sein muss. - Allerdings ist das Ganze absolut subjektiv gehalten und beruht einzig und allein auf meiner Meinung.

Mir ist aufgefallen, dass ich in diesem Blog ziemlich viel jammere, was einen durchweg negativen Eindruck macht und mich wirken lässt wie eine verbitterte, alte Schnepfe, was ich aber - das bilde ich mir jedenfalls ein - nicht bin. Zumindest nicht hauptsächlich.

Dass ich es riskiere, in diesem Blog verbittert zu wirken, weil ich ausschließlich über negative Sachen berichte, war mir von Anfang an klar. Aber es war mir egal, denn dass Inklusion, meiner Meinung nach, eine Illusion ist, das ist ja - finde ich - eher negativ und ein Blog, in dem es um diese Thematik geht, kann schlecht voll mit positiven Heile-Welt-Einträgen sein. Meiner Meinung nach.

Trotzdem möchte ich jetzt endlich mal etwas Positives vermerken, was mir in den letzten Jahren schon oft aufgefallen ist.

Grundsätzlich halte ich an meiner Aussage fest, Inklusion eine Illusion sei, fest. Allerdings scheitert Inklusion - nach meinem subjektiven Empfinden - vor allem an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und nicht zwangsläufig an diesen viel zitierten "Barrieren in den Köpfen", die der Inklusion zwar nicht förderlich sind, meiner Meinung nach aber nur ein kleines Hindernis sind. Tatsächlich mache ich immer öfter die Erfahrung, dass Inklusion - ich spreche jetzt zugegebenermaßen nur von Inklusion bei Körperbehinderten - auf der zwischenmenschlichen Ebene meistens sehr gut funktioniert. Und dann scheitert das Ganze nur an den Barrieren, die von außen gegeben sind. Zum Beispiel Treppen oder ähnlichem.

Ich habe viele Ladenbesitzerinnen kennengelernt, die mir die Ware nach draußen gebracht haben, weil vor dem Geschäft Treppen waren. In Marburg beispielsweise hat mir eine Mitarbeiterin vom 'Body Shop' dort ihre E-Mail Adresse gegeben und immer, wenn ich etwas auf der Internetseite vom 'Body Shop´ kaufen wollte, konnte ich ihr das schreiben und sie hat es mir am nächsten Tag auf der Straße überreicht und in die Tasche an meinem Rolli gepackt.

Einmal war ich mit meiner Assistentin T-Shirts kaufen, die sie mir anprobieren wollte. Nun waren die Garderoben in dem Geschäft aber zu klein für uns beide. Darum besorgte die Verkäuferin kurzerhand ein paar Trennwände, die meine Assistentin und sie zur provisorischen Behindertenumkleide umfunktionierten.

Einmal war ich in Paderborn auf dem Weg zu meinen Großeltern (zu Rollireifen): Ich hatte gerade einen Bürgersteig geentert, als ich wenig später ein Bauarbeiterfahrzeug bemerkte, dass dick und fett auf dem Gehweg stand und an dem ich nicht vorbei konnte, also fuhr ich vorerst wieder auf die Straße, mit dem Vorhaben, das Bauarbeiterfahrzeug zu passieren und dann wieder auf den Bürgersteig zu fahren. Tatsächlich fand sich, als ich am Fahrzeug vorbei war, aber kein abgesenkter Bordstein mehr, selbst nicht bei der naheliegenden Bushaltestelle. Etwas mutlos wurde ich langsamer. Es war eine ziemlich befahrene Straße und nun blieb mir wohl keine Wahl mehr, als im Gegenverkehr zur nächsten Kreuzung zu fahren. Da entdeckte ich ein Männchen, das an der Bushaltestelle gewartet hatte und nun auf mich zukam. Das Männchen entpuppte sich als junger Knabe, der wohl auf dem Weg zur Uni war. "Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie wieder auf den Bürgersteig?" Dankbar, dass er diese Lösung von sich aus angeboten hatte, nickte ich kräftig. Der junge Mann hielt nun Ausschau nach einem abgesenkten Bordstein, allerdings erfolglos. Zuerst rief er seine Kumpel und wollte ernsthaft meinen Rolli samt mir auf den Bürgersteig zu hieven. Dass das nicht geht, musste er bald einsehen. In diesem Moment kam der Bus. Der Knabe ließ mich in der Obhut seiner Kumpel, rannte zum Bus und diskutierte mit der Busfahrerin. Daraufhin senkte sie den Bus ab, der Knabe klappte die Rampe aus und winkte mir, einzusteigen. Das tat ich und wenig später für der Bus ab. Er fuhr aber nur  wenige Meter weiter und hielt am nächstliegenden Bürgersteig. Die Türen sprangen auf, der Knabe klappte die Rampe erneut aus und ich konnte bequem auf den Bürgersteig rollen und meinen Weg fortsetzen.       

 

 

 

5.8.15 15:19


Neunzehn.

 Mir ist neulich etwas so Aufwühlendes passiert, das ich an dieser Stelle darüber berichten möchte, obwohl es vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz zu dem passt, was hier sonst so steht - hat aber such mit dem - vorsichtig gesagt - zarten Scheitern der Inklusion zu tun. Es geht nämlich um Barrieren in den Köpfen, um Vorurteile.

Vorgestern hab ich mich mit einer Bekannten in der Stadt getroffen und bei dieser Gelegenheit habe ich ihr direkt die gute Nachricht erzählt: dass sich die Stadt Rheinbach jetzt endlich dazu durchgerungen hat, meinen Pflegedienst zu bezahlen und meinem Umzug jetzt kaum noch was im Wege steht.  Auf die Frage meiner Bekannten, wann ich denn genau umziehe bzw. was denn das ´kaum noch was´ sei, was mir noch im Weg stehe, antwortete ich, es käme darauf an, bis wann der Pflegedienst Humanitus mein Pflege-und-Assistenz-Team zusammengestellt hätte. Außerdem würde ich die ganzen Assistenten nochmal alle einzeln kennenlernen und abnicken wolle. Ganz beiläufig erzählte ich dann auch, dass ich, wenn ich es mir schon aussuchen darf, ja auch nur von Frauen gepflegt werden möchte und so. Ehrlich gesagt genoss ich es gerade so richtig, im Redefluss zu sein, als mich meine Bekannte unterbrach und mich nüchtern fragte: "Meinst Du nicht, dass Du für Frauen zu schwer bist?" Das hat mich dann erstmal total rausgebracht. Zunächst gar nicht auf eine wütende empörte Weise. Ich war einfach nur perplex. Natürlich bin ich zu schwer für Frauen - ich bin, meiner Meinung nach, sogar auch zu schwer für Männer. Deshalb würde ich nie im Leben von einem Menschen verlangen, mich zu tragen! Aber es gibt ja so eine wunderbare Erfindung namens Lifter und den kann sogut wie jeder bedienen. Das geht sogar sehr gut! Es gibt jedenfalls keinen Grund, warum mich nur Männer pflegen können sollten! - Und ganz im Ernat, ich bin seit 17 Jahren auf Pflege angewiesen: Sollte ich es dann nicht mittlerweile selbst wissen, wenn Frauen mich tatsächlich nicht pflegen könnten? Das können sie aber, ich hab es selbst erlebt! Und ich finde auch, dass mein Wunsch nach gleichgeschlechtlicher Pflege zumindest akzeptiert und im Idealfall auch gar nicht erst in Frage gestellt werden sollte! - Und ich glaube, ich fand es enttäuschend, dass ausgerechnet eine Frau das getan hat! Was steckt denn hinter so einer In-Fragestellung? Behinderte Frauen nehmen es eher in Kauf als nicht-behinderte Frauen, von Männern gepflegt zu werden oder was? Die sollen doch froh sein, wenn das überhaupt jemand macht? Sowas in der Art?

Also, ich finde das ziemlich frech und überhaupt nicht inklusiv!

 

28.6.15 17:51


Achtzehn.

Nachdem ich nun erst einmal eine Woche im Urlaub war, ist einiges passiert. Während meiner Abwesenheit haben die Sozialämter weiter vergnügt Ping Pong mit meinem Antrag gespielt, zwischenzeitlich sah es so aus, als würde der Rhein-Sieg-Kreis die Kosten für meine 24-h-Assistenz übernehmen, weswegen mein Vater die Anwältin wieder zurückgepfiffen hatte. Am Montag wurde mein Antrag vom Rhein-Sieg-Kreis wieder an das Sozialamt in Rheinbach geschickt und die Anwältin wurde doch wieder aktiv. Ab dann ging das Ganze erstaunlich schnell. Unglaublich schnell. Heute bekam ich tatsächlich eine E-Mail von der Anwältin, in deren Anhang ich ein Schreiben von der Sachbearbeiterin beim Sozialamt in Rheinbach fand, in dem sie bestätigte, die Kosten für den von mir gewünschten Pflegedienst zu übernehmen! Das bedeutet, dass ich - sobald sich mein Pflege-Team gebildet hat - endlich umziehen kann!

Die Freude darüber hat lediglich den bitteren Beigeschmack, dass meine Eltern und ich eine Anwältin einschalten mussten, um das durchzusetzen... 

25.6.15 18:51


Siebzehn.

Zu Anfang muss und will ich an dieser Stelle ein Missverständnis meinerseits aus dem Weg räumen. Vor einigen Tagen hatte ich mich darüber aufgeregt, dass das Sozialamt in Bonn mir "nur" 3 Stunden Pflege pro Tag zugestehen würde. Am Samstag hat unser Ansprechpartner bei Humanitus hier angerufen, um diesbezüglich zu intervenieren. - Also, und da kam raus, dass es sich in Wirklichkeit so verhält, dass 3 Stunden über die Pflegeversicherung abgerechnet werden und die restlichen 21 Stunden über das Sozialamt... So hab ich das zumindest jetzt verstanden. Das heißt, ich habe mich wieder mal viel zu vorschnell aufgeregt und meine 24-Stunden-Pflege wäre mir trotzdem sicher gewesen.

Mittlerweile stehen wir allerdings quasi wieder ganz am Anfang, wobei wir jetzt tatsächlich eine Anwältin an der Seite haben, die uns vom Sozialhummel e.V. empfohlen wurde. Am Freitag hatte ich die Anwältin gebeten, meinen "Fall" zu übernehmen, weil wir noch immer nichts schriftlich vom Sozialamt Bonn bekommen hatten. - Am Montag bekam mein Vater schließlich einen Anruf von dem zuständigen Sachbearbeiter (beim Bonner Sozialamt). Der erklärte ihm, dass er meinen Antrag wieder zum Sozialamt Rheinbach geschickt hätte. Glücklicherweise bekamen wir fast gleichzeitig die Zusage  von der Anwältin, dass sie den Vorgang übernehmen würde.

3.6.15 14:06


Sechzehn

 Zwischen all dem Warten auf eine schriftliche Stellungnahme vom Sozialamt - Eine Woche geben wir den Typen noch - gibt es mal wieder etwas von meiner Freundin, der Deutschen Bahn, zu berichten. Am Sonntag wollte ich nach Bonn - zu Amaryllis - und ich hatte beschlossen, mit der Bahn dorthin zu fahren. Zugegeben, ich fand die Vorstellung total aufregend! Immerhin bin ich in NRW noch nie allein Zug gefahren - Ich mein, gut, sooooo viel anders als in Hessen würde das jawohl nicht sein -, dachte ich - und schließlich ist momentan in aller Munde, dass der Rheinbacher Bahnhof im letzten Jahr ja so toll barrierefrei umgebaut wurde. Warum also nicht? Ich kann und will außerdem nicht jedes Mal, wenn ich irgendwo hin will, meine Eltern oder Brüder bitten, mich zu kutschieren. Es schien beschlossene Sache zu sein, dass ich am Sonntag mit dem Zug von Rheinbach nach Bonn fahren würde. Also buchte ich am Freitag den Mobilitätsservice, wobei ich mich wieder kräftig über die mir, von der Bahn auferlegte, Ausgehsperre ärgerte. Diese Ausgehsperre besagt, dass ich als Behinderte nach 22 Uhr nicht mehr unterwegs zu sein habe - wahrscheinlich, weil nach 22 Uhr die bösen Buben rauskommen und die Bahn die Behinderten einfach in Sicherheit wissen will.

Naja, dachte ich mir, ist ja fürs Erste okay. Es geht mir ja erstmal nur darum, die Strecke kennenzulernen und endlich mal Routine mit dem Zugfahren in NRW zu bekommen - wird ja allerhöchste Zeit! Dann bleib ich eben nur bis 20:48 Uhr. Ist auch gut!

Aufgrund meiner Sprachbehinderung habe ich auf den Anmeldebogen angegeben, dass die Bahn - bei evtll. Rückfragen - per E-Mail mit mir Kontakt aufnehmen möge.

 Am nächsten Morgen - ich lag leider noch im Bett - wurde meine Mutter von einer Bahnbeamtin angerufen. Es ging um meine Buchung des Mobilitätsservice. ... Es ist wirklich schade, dass ich nichts mitbekommen habe, denn so kann ich den genauen Wortlaut an dieser Stelle nicht wiedergeben. Aus den Erzählungen meiner Mutter entnehme ich jedoch, dass die Beamtin ihr mitgeteilt hat, dass ich den Mobilitätsservice bei meiner beabsichtigen Reise nicht nutzen könnte, weil es a) am Rheinbacher Bahnhof nicht genügend Personal gäbe und b) in Bonn am Bahnhof keine Rampen vorhanden wäre.

Leider (/Natürlich?) habe ich diese Absage nicht schriftlich bekommen.

26.5.15 12:58


Fünfzehn.

Wenn mein Leben ein Film wäre, dann würde ich manchmal vielleicht denken 'Da hat der Drehbuchautor jetzt aber gewaltig was an den Haaren herbeigezogen' oder 'Das ist jetzt aber eine unrealistische Inszenierung'. Tatsächlich passieren in meinem Leben bisweilen Dinge, von denen ich einfach nicht glauben kann, dass sie real sind. Ein Beispiel dafür versuche ich im Folgenden nieder zu schreiben, ohne zu emotional zu werden. Nach langem Hin und Her hat sich nun immerhin ergeben, dass das Sozialamt in Bonn für mich zuständig ist. - Ich hoffe, dass das jetzt auch wirklich endgültig ist! Na gut, gestern hat der Sachbearbeiter meinen Vater angerufen, um ihn die frohe Kunde mitzuteilen. Gleichzeitig meinte er außerdem, dass er meinen Pflegebedarf - nach dem ersten Lesen meiner Akte - auf 3 Stunden am Tag schätzen würde. Mein Vater, der noch im Büro war, hat daraufhin meine Mutter und mich zuhause angerufen, um uns davon in Kenntnis zu setzen. Ich war erst einmal sprachlos. Das war mal wieder so ein Moment, in dem man denkt, man hätte vergessen, aus einem surrealen Traum aufzuwachen; Die Ohren spielen einem einen Streich; Da will sich jemand einen Scherz erlauben; Keine Ahnung, auf jeden Fall erscheint einem das Gehörte viel zu lächerlich, um es als reale Tatsache ansehen zu können. Ich mein, irgendwie ist es ja schmeichelhaft, dass mich dieser Sachbearbeiter, der mich nur von meiner Akte kennt, offenbar nicht für so behindert hält, dass ich eine 24-Stunden-Assistenz bräuchte. Das bin ich aber nun mal und ich denke auch eigentlich, dass das aus meiner Akte hervorgeht, spätestens dann, wenn da steht, dass ich Pflegestufe 3 habe. Ich finde es ziemlich ... frech bis faszinierend, dass der Mann denkt, meinen Pflegebedarf beurteilen zu können, obwohl er mich noch nie gesehen hat. Dafür sollte ich ihm eigentlich meinen Respekt zollen! Schöner wäre es allerdings, wenn diese Beurteilung richtig wäre. Das ist sie aber eindeutig nicht! - Ich meine, die meisten Leute müssen mich einfach nur einmal angucken, um zu wissen, dass ich intensive Pflege brauche und da ist es mit 3 Stunden längst nicht getan! In Marburg zum Beispiel habe ich beobachtet, dass einige Pfleger 2 Stunden brauchen, um mich zu duschen und anzuziehen. Fürs An- und Ausziehen meiner Jacke gehen dann im schlimmsten Fall jeweils 30 Minuten drauf - und uuuups! Damit sind die 3 Stunden ja schon voll. Es ist möglich, dass ich jetzt schon wieder zu aggressiv und uneinsichtig reagiere: Immerhin haben wir ja noch nichts schriftlich und außerdem heißt das ja nichts. Zumindest bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir die 24-Stunden-Assistenz für mich durchboxen können, mit Anwalt oder ohne. (Ohne wäre natürlich wünschenswert!) Ich bin einfach ein bisschen genervt und enttäuscht, dass mein Umzugstermin jetzt noch weiter in die Ferne rücken muss.

 

(Korrektur: s. Eintrag Siebzehn)

12.5.15 18:25


Vierzehn.

Der VDK hat sich inzwischen immer noch nicht gemeldet. Dafür liegt der Beratungstermin beim Pflegedienst Humanitus jetzt schon einige Wochen zurück und ich muss zugeben, dass ich danach ziemlich verzaubert nach Hause gerollt bin. Wenn ich das richtig verstanden habe, sähe das Konzept von Humanitus so aus, dass sie mir, sobald ihnen mein Pflege-Gutachten und somit der "Beweis" für meinen 24-Stunden-Pflegebedarf vorliegt, ein Team von Assistenten suchen, also die Stelle ausschreiben, Vorstellungsgespräche mit den Assistenten führen und so - und dann treffen die eine Vorauswahl und schicken die zu mir nach Hause, damit ich sehen kann, ob ich mit den Assistenten klar komme oder nicht. Und wenn ich ab Mai bei Amaryllis wohne, sind meine Assistenten dann 24 Stunden am Tag im Bereitschaftsraum von Villa Emma - das ist das "Nachbarprojekt" von Amaryllis, auch ein Mehrgenerationenhaus, das quasi nur 2-3 Minuten Autofahrt von Amaryllis entfernt ist - und wenn ich Hilfe brauche, dann kann ich sie zu mir rufen. Also, auch spontan, was mir sehr wichtig ist. Das war/ist auch meiner größten persönlichen Ängste, dass ich in meiner persönlichen Tagesgestaltung nicht mehr spontan sein kann. Ich möchte halt, ehrlich gesagt, auch nicht den ganzen Tag jemanden "auf der Pelle sitzen" haben, so nett dieser Jemand auch sein mag. In dem Fall bräuchte ich in meiner Wohnung einen Aufenthaltsraum für die Assistenten und den habe ich in der Wohnung bei Amaryllis nicht. Gleichzeitig wär es aber auch doof für mich, festzulegen, von wann bis wann ich jemanden brauche und wann nicht. Es passiert sehr oft, dass ich spontan Hilfe brauche (z.B. wenn mir etwas runterfällt, das für meine Greifzange zu schwer ist) oder ich ganz spontan meine Planung ändere (zB. wenn ich mich in der Stadt verquatsche, beim Einkaufen die Zeit vergesse oder bei plötzlich aufkommendem schönen Wetter noch etwas länger draußen bleiben will - alles realistische Beispiele, die ich aus Marburg kenne) Naja, es dürfte sich herausgestellt haben, dass Humanitus mein Traum-Pflegedienst wäre, - der aber auch bezahlt werden muss und das könnten weder ich noch meine Eltern schultern. Deswegen musste ein Kostenträger her. Leider war es jedoch auffallend schwierig, diesen zu bestimmen, weil das irgendwie nirgends eindeutig formuliert wird. (Zumindest war das unser Eindruck) Nach einer langen Suche stellte sich schließlich der LVR als möglicher Kostenträger raus. Allerdings erfuhren wir bei dem Beratungstermin von Humanitus, dass dieser (noch) nicht für mich zuständig wäre, da ich ja arbeitslos sei und daher das Sozialamt in der Stadt, in der ich wohne, mein Kostenträger sei. Damit war diese Frage zwar durchaus geklärt, aber die Verhandlungen darüber, wer die Finanzierung letztlich übernimmt, noch lange nicht am Ende. Da ich ja aus Rheinbach komme/derzeit noch in Rheinbach wohne, müssen die Kosten eigentlich vom Sozialamt in Rheinbach getragen werden. Das sieht das im Moment aber noch nicht ein bzw. es versucht, die Verantwortung dem Sozialamt in Bonn in die Schuhe zu schieben, - wo ich ja noch gar nicht gemeldet bin! Mein Vater und ich hatten am Donnerstag einen Termin beim Sozialamt in Rheinbach, zu dem wir die erforderlichen Unterlagen mitgebracht haben. Tatsächlich konnten wir die Beraterin dort aber immer noch nicht davon überzeugen, dass Rheinbach zuständig ist. Sie meinte, sie würde die Unterlagen an das Sozialamt Bonn schicken und gleichzeitig nochmal die Zuständigkeitsfrage mit denen diskutieren. Dann würde sie mir bis Mittwoch eine Rückmeldung geben. Ich bin mal gespannt...
13.4.15 12:37


Dreizehn.

Ich bin keine Vorzeigebehinderte, d.h. ich bin keine Expertin in eigener Sache (ich hab keine Ahnung, wie man das Leben als Behinderte zielstrebig "wuppt"). Meine Familie ist auch bestimmt keine Vorzeigefamilie für ein behindertes Kind/Mitglied. Gibt es das überhaupt? Na ja, egal. Auf jeden Fall finde ich es verständlich, dass sich meine Eltern, als ich völlig gesund geboren wurde, auf ein einigermaßen normales Leben mit nichtbehinderten Kindern eingestellt haben. Warum auch nicht? Konnte ja keiner wissen, dass ich 6 Jahre später einen Schlaganfall haben und behindert sein würde! Dementsprechend waren wir natürlich alle überfordert, als es geschah. Und wir fühlten uns auch immer ziemlich mit dieser Überforderung im Stich gelassen. So auch bei meiner Wohnungs- und Arbeitssuche. Ich hatte immer den Plan, dass ich, nachdem ich die Uni (den Bachelor) beendet hatte, wieder in die Nähe meiner Eltern zu ziehen, - vorzugsweise nach Bonn - um dort zu wohnen und zu arbeiten. Vor 2, 3 Jahren fingen meine Eltern und ich also an, mir eine behindertengerechte Wohnung in Bonn zu suchen. Das war zwar nicht ganz so frustrierend wie die Arbeitssuche - man musste nicht monatelang auf ein halbwegs passendes Angebot warten -, aber es war dennoch ziemlich anstrengend. Es war deprimierend zu sehen, in was für "Ghettos" und teilweise versifften Einrichtungen Behinderte in dieser (vermeintlich) inklusiven Gesellschaft im hoch entwickelten Deutschland untergebracht werden. Natürlich gibt es von der Lebenshilfe viele Angebote bzgl. Betreutem Wohnen, aber diese zielen - meines Wissens nach - alle auf entweder "nur" geistig Behinderte oder körperlich UND geistig Behinderte, nicht auf "nur" körperlich Behinderte. Ich hab natürlich überhaupt nichts gegen geistig beeinträchtigte Menschen, ich möchte nur nicht 24 Stunden am Tag mit ihnen in einer Wohngruppe verbringen. Da reichen mir die Erfahrungen aus meiner Grundschule in Bonn. - Und ich mein, was soll das? Ich muss doch nicht ins Betreute Wohnen, nur weil ich in körperlicher Hinsicht ein Pflegefall bin! Diese Zeiten sind zum Glück vorbei! Ich bin doch geistig vollkommen fit: Ich kann meine Rechnungen bezahlen, ich kann meinen Tag strukturieren, Verantwortung übernehmen... Ich muss "nur" ambulant betreut/gepflegt werden - und da ich mein Praktikum in Marburg beim fib e.V. gemacht hab, mit dessen Unterstützung behinderte Menschen u.a. in ihrer eigenen Wohnung leben und ambulant gepflegt werden können, weiß ich, dass das möglich ist. Nun gut, aber nichtsdestotrotz war bzw. ist die Realität in Bonn immer noch recht ernüchternd und wir entschieden, uns zumindest einmal mit dem Betreuten Wohnen als Option auseinander zu setzen. Wir suchten das Therapiezentrum in Bonn auf, eine Wohngruppe für behinderte Menschen. Während der Besichtigung wurde mir schnell klar, dass ich dort nicht unbedingt wohnen wollen wurde. Nach der Besichtigung wurden wir von zwei Damen beraten. Die eine Dame erkannte schnell, dass das Betreute Wohnen eigentlich nichts für mich war. Sie wies uns auf ein DRK-Projekt hin, das sie organisierte. Dabei sollte ein Haus in Bonn Auerberg gebaut werden, in dessen 2. Stock behindertengerechte Appartments sein sollten, in denen "nur" körperlich Behinderte ambulant wohnen können. Gleichzeitig sollte im Erdgeschoss eine Pflegestation sein, bei der die Bewohner spontane Unterstützung anfordern können. Allerdings konnte der Bau von diesem Haus bis zu 2 Jahre dauern. Egal, ich ließ mich trotzdem auf die Warteliste schreiben. Kurze Zeit später - oder war es davor? - stieß meine Mama im Internet auf die 'Villa Emma', einer Wohnungsgenossenschaft für Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf. Sie legte mir nahe, mich dort um einen Platz zu bewerben, was ich auch tat. Aber leider waren zu dieser Zeit keine Wohnungen frei. Ungefähr nach einem Jahr, ich hatte gerade die letzte Prüfung meines Studiums bestanden und wartete voller Freude auf die Absolventenfeier meines Jahrgangs, schrieb mir eine Dame, die ich zuerst nirgends zuordnen konnte. Dann dämmerte mir jedoch, dass es dieselbe Dame war, bei der ich mich damals um einen Platz in der 'Villa Emma' beworben hatte. Sie sagte mir, dass dort zwar immer noch nichts frei wäre, in der 'Amaryllis eG' aber zum Februar 2015 allerdings eine behindertengerechte Wohnung frei werden würde, die mich vielleicht interessieren könnte. Die Amaryllis eG ist ein Mehrgenerationenwohnprojekt, so ´ne Art Kommune, die alles privat organisiert. Deswegen muss alles demokratisch entschieden werden - mehr noch: ALLE müssen einstimmig dafür oder dagegen sein. So verhält sich das auch bei der Frage, wer einziehen darf und wer nicht. Okay, Anfang Februar wurdr dort eine also rollstuhlgerechte Wohnung frei, die, ehrlich gesagt, traumhaft für mich ist. Der Vorteil für mich, in diesem Haus zu wohnen, wäre außerdem, dass ich vom Pflegedienst der 'Villa Emma' profitieren könnte, die quasi direkt nebenan ist. Also hab ich mich Ende letzten Jahres für die Wohnung beworben, hab ein Motivationsschreiben verfasst, war im letzten und in dieses Jahr insgesamt drei Mal bei sogenannten Kennenlern-Treffen der Amaryllen, zwei von denen war bei uns zuhause. Es war, um ehrlich zu sein, recht nervig und aufwendig. Schließlich nahmen die Amaryllen sogar Mietausfälle in Kauf, weil sie sich einfach nicht einigen konnten, ob ich die Wohnung bekommen darf. Das Hauptproblem, mit dem sie sich offenbar schwer taten, war die Angst, dass sie als Bewohner mich - z.B. in Notsituationen - pflegen oder mir assistieren müssten. Das erwarte ich natürlich überhaupt nicht! Wenn ich irgendwo einziehe, will ich da nicht als bedürftiger Pflegefall einziehen, für den die anderen Hausbewohner verantwortlich sind und den sie pflegen müssen -, sondern als "normale" eigenverantwortliche Bewohnerin, die sich selbstverständlich selber einen Pflegedienst organisiert und die auch selber am besten weiß, was und wie viele Hilfen sie braucht. Aber das haben mir die Amaryllen - zumindest einige von ihnen - lange Zeit scheinbar nicht geglaubt. Wenn ich so darüber nachdenke, war das durchaus recht verletzend. Trotzdem haben sich die meisten aus meinem sozialen Umfeld mehr darüber aufgeregt als ich. - Zum Ende hin hab ich mich zwar schon aufgeregt, aber eher über die furchtbar lange Wartezeit. Dass ich auf den ersten Blick von vielen unterschätzt werde und mich noch viel mehr als Nichtbehinderte beweisen und darum kämpfen muss, als autonomer eigenverantwortlicher Mensch ernst genommen zu werden, ist für mich, glaub ich, einfach schon zur Normalität geworden. Zumindest in gewissen Kontext. So ein Wohnhaus mit mehreren Parteien, sowas gehört für mich eigentlich schon zu den Bereichen, wo es okay ist, wenn ich im ersten Moment verurteilt werde, wenn einige Bewohner Bedenken haben und skeptisch sind. Das ist zumindest meine persönliche Meinung. Aber meine Geduld war ziemlich erschöpft, deswegen hab ich den Amaryllen Ende Januar/Anfang Februar im Geheimen eine Art "Deadline" gesetzt. Ich habe mir vorgenommen, dass ich, wenn ich spätestens bis zum 9.2. kein klares Ja oder Nein bekommen hätte, meine Bewerbung zurückziehen würde. Ich weiß, das ist ziemlich blöd, weil ich ja nicht wirklich viele Alternativen hatte (mind. ein Jahr darauf warten, bis dieses DEK-Projekt fertig ist oder mich tatsächlich ins Betreute Wohnen begeben). Na ja, aber ich muss zugeben, dass ich einfach keine Lust mehr hatte, mich jedes Mal dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich meinen Pflegedienst und meine Assistenz selber organisieren und alleine wohnen kann und dass ich selbstverständlich zwischen Pflege/Assistenz und nachbarschaftlichem Wohnen differenzieren! Wie auch immer, schließlich haben die Amaryllen sich tatsächlich entschieden, mir die Wohnung zu geben! Am 30.3. darf ich den Mietvertrag unterschreiben. Bis dahin gibt es noch viel zu tun: Anfang März haben meine Eltern und ich einen Beratungstermin beim Pflegedienst. Außerdem versuchen wir seit Tagen den VDK zu erreichen, der uns im Hinblick auf das Persönliche Budget etc. beraten soll, weil - zumindest ich momentan recht überfordert damit bin. Das Problem ist auch, dass ich ja mit meinen 23 Jahren noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld habe -, obwohl ich arbeitslos bin.
27.2.15 11:34


Zwölf.

Anfang Juli habe ich mir bei einem Waldspaziergang das Bein gebrochen. - Das klingt zunächst paradox. Eine Rollstuhlfahrerin, die seit 17 Jahren nur dumm rum hockt, bricht sich das Bein. Das kann doch nur ein Witz sein! - Aber ich habs geschafft, sogar ca. 2 Wochen vor einer Klausur. Wie das geht? Nun, als ich an einer etwas zu matschigen Stelle etwas zu schnell gefahren bin, hat mein Rolli einen Satz gemacht und ich flog in hohen Bogen auf den Boden, mein Rollstuhl landete etwas unsanft schräg auf mir drauf. Ich hatte daraufhin unbeschreibliche Schmerzen im linken Bein. Mein Vater, der dabei war, stellte meinen Rolli wieder auf die Räder und hievte mich hinein. Zu diesem Zeitpunkt gingen wir davon aus, dass mein Fuß wahrscheinlich verstaucht war. Trotzdem sind meine Eltern am selben Abend mit mir in die Notaufnahme gefahren, wo ich geröntgt wurde. Das alleine war schon eine Tortur. Ich hab nämlich eine enorm ausgeprägte irrationale panische Angst, wenn ich allein auf einer Liege ohne irgendeine Art von Fallschutz liegen muss. Dass ich still halte, kann man in einer solchen Situation sowieso vergessen. Also musste jemand bei mir bleiben, damit wenigstens ein paar verwertbare Bilder gemacht werden konnten. - Wenn die Liege, auf der ich lag, wenigstens Gitter an beiden Seiten gehabt hätte.... Hatte sie aber nicht, deswegen musste sich mein Vater eine Bleischürze anziehen und bei mir bleiben. Naja, das Ergebnis von dem Ganzen war, dass mein Bein dreifach gebrochen war und eigentlich unbedingt operiert werden musste, aber da ich nicht laufen kann, wär es nicht so schlimm, wenn nicht. Es bestünde aber das Risiko, dass ich lebenslang Schmerzen habe. An diesem Abend hab ich aber erstmal nur einen Gips bekommen, um danach wieder nach Hause zu können. Das Anlegen vom Gips war ziemlich schwierig, weil mein Fuß - wie soll ich das sagen? - schon damals etwas deformiert war. Schließlich durfte ich aber endlich nach Hause und dann hab ich mich eigentlich schon sehr schnell für die Operation entschieden. Mein Vater hatte noch Zweifel, ob mein behindertes Gehirn die Narkose verträgt, deswegen haben wir uns dann noch beraten lassen. Fünf Tage später war dann schließlich mein OP-Termin und nach dem der Oberarzt uns versichert hatte, dass meine Pflege im Krankenhaus auf jeden Fall vom Personal gewährleistet werden kann, stand für mich fest, dass ich alleine ins Krankenhaus gehe. Meine Eltern haben mich noch gebracht und in das für mich vorgesehene Bett gelegt. Sie sind dann noch geblieben, bis die Krankenschwester mich samt Bett zur OP gerollt hat und haben außerdem immer wieder betont, dass ich Angst habe, wenn die Gitter vom Bett nicht hochgestellt sind. Wie auch immer, im OP-Saal wurde ich auf die OP-Liege gelegt, die natürlich keine Gitter an der Seite hat. Ich bekam zwar einen Gurt um die Oberschenkel, aber ich hatte natürlich trotzdem schreckliche Angst. Und dann haben mich die Schwestern auch noch mitten im Raum stehen gelassen, weil die natürlich dachten, ich hätte Angst vor der Operation und nicht davor, runter zu fallen. Na ja, dann bekam ich endlich die Narkose, wachte unter Schmerzen im Aufwachraum auf und wurde in mein Zimmer gebracht. Tja, und dann begannen die wohl schrecklichsten 5 Tage meines Lebens. Ich habe da in diesem Krankenbett mehr oder weniger vor mich hin vegetiert. Mir wurden in dieser Zeit kein einziges Mal die Haare gewaschen, ich wurde nicht auf die Toilette oder tagsüber in den Rollstuhl gesetzt. Ich konnte überhaupt nichts machen - außer fernsehen und das auch nicht immer, weil man den Ton vom Fernsehr nur über Kopfhörer hören konnte und ich mir die ja nicht alleine aufsetzen kann. Lesen oder schreiben kann ich im Bett auch nicht alleine und ich denke, es ist verständlich, dass ich mich schließlich quasi selbst entlassen habe.
9.11.14 15:50


Elf.

Wenn man arbeitslos ist und sich an das Arbeitsamt wendet, bekommt man dort üblicherweise persönliche Zugangsdaten für die Jobbörse. Die Jobbörse ist eine feine Sache. Man trägt da seine Daten ein, hinterlässt seine E-Mail Adresse und bekommt dann jeden Tag eine Mail mit möglicherweise passenden Stellenangeboten. - Natürlich sind die meisten Stellen nur für Läufer geeignet, obwohl ich angegeben habe, dass ich schwerbehindert, aber das ist okay. Wie dem auch sei... Diese wundervolle Jobbörse hat eine Reihe von Zusatzfunktionen, zum Beispiel die Lernbörse. Dort habe ich mich unlängst angemeldet, um mein Englisch aufzubessern. - Leider musste ich kurz darauf erfahren, dass die Lernbörse überhaupt nicht barrierefrei ist. Um meinen aktuellen Lernstand zu ermitteln, musste ich einen Test machen. Dieser ging natürlich auf Zeit und ich, die ich bei Tests und Klausuren eigentlich immer soviel Zeitverlängerung wie möglich brauche, hatte somit quasi von Anfang an keine Chance, den Test zu Ende zu machen. Dazu kam, dass es für diesen Test zu gefühlten 60% erforderlich war, die richtigen Antworten mit der Maus in die entsprechenden Felder zu ziehen - und ich kann die Maus beim besten Willen nicht gleichzeitig gedrückt halten und irgendwohin bewegen. Es kam, wie es kommen musste. Die Zeit lief ab und nun darf ich den Test natürlich nicht nochmal machen! Naja. Vor zwei Wochen war ich ja mit meinem Vater beim Integrationsfachdienst. Dieses befindet sich leider in einem nicht gerade barrierefreien Gebäude. Die Eingangstür allein ist schon ziemlich eng und natürlich auch nicht elektronisch, sodass ich, wäre ich alleine gewesen, sie nicht hätte öffnen bzw. aufhalten können. In dem dahinterliegenden Flur gibt es zwei Aufzüge - immerhin! Wirklich doof nur, dass der eine davon viel zu eng und winzig ist, dass ich da mit meinem Rolli nicht reinpasse. Der andere war 3 cm größer und in den passe ich knapp rein. Ärgerlicherweise war der aber "außer Betrieb". Allerdings muss ich die Frau, die mich beraten sollte, wirklich loben! Sie kam sofort die Treppe runter, erkannte das Problem und klingelte den Hausmeister aus dem Bett, der den Fahrstuhl relativ zügig reparierte. Das Gespräch beim Integrationsfachdienst verlief dann ganz gut. Na ja, was wirklich Neues hab ich da nicht erfahren. Nur, dass ich da ähnlich wie beim Arbeitsamt an Arbeitgeber vermittelt werden kann. Davor muss man natürlich einen Antrag stellen -.- Es reicht ja nicht, dass man schon persönlich da war und das Vermittlungsmandat oder wie das heißt unterschrieben hat. Das wäre ja zu einfach.
28.10.14 08:46


Zehn.

Manchmal frage ich mich, ob ich komplett anders erzogen wurde als alle anderen, sodass ich die Einzige bin, die gewisse Worte oder Bezeichnungen als abwertend und beleidigend empfinden oder ob man, wenn man behindert ist, einfach selbstverständlich das Privileg verloren hat, sich bestimmte verbale Behandlungen zu verbitten und gefälligst lernen muss, das hinzunehmen. Ich denke, dass ich keinesfalls zu weit gehe, wenn ich behaupte, die Pflege von behinderten Menschen hat durchaus auch was mit Inklusion vs. Exklusion zu tun. Für mich ist sie sogar die Basis. Wenn behinderte Menschen in der Pflege nicht gut behandelt werden oder vielleicht durchaus gut und verantwortungsvoll gepflegt werden, aber dabei verbal gedemütigt werden, ihre Menschenwürde und Privatsphäre mit Füßen getreten werden – wie sollen sie sich denn dann je in der Gesellschaft wohl geschweige denn den Nichtbehinderten ebenbürtig fühlen? Ich erinnere mich noch gut an eine äußerst prägende Situation während meines Praktikums. Das war in Marburg beim fib e.V. (Verein zur Förderung der Integration Behinderter) und ich hatte in den ersten zwei Wochen eine Art Ferienfreizeit begleitet. In „unserer“ Gruppe, also in der vom fib, waren geistig behinderte Kinder, von denen die meisten im Rolli saßen. Na ja, jedenfalls kam der Tag, an dem eins der Mädchen, das im Rolli saß, gewickelt werden sollte. Ihre Betreuerin stellte fest, dass die Behindertentoilette zu eng war, also musste eine andere Lösung her. Ich glaub, sie hat nicht sonderlich lange überlegt und in dem Zelt, in dem sich die ganze Gruppe aufhielt, einen Blickschutz aus Stühlen und Decken gebaut und das Mädchen dahinter gewickelt. Wenn man mal ehrlich ist, war der Blickschutz nichts als Dekoration, denn die Kinder, die allesamt im Zelt geblieben waren, fanden das natürlich spannend und liefen zu der wickelnden Betreuerin, um ihr zuzugucken, ihr Fragen zu stellen, was weiß ich. Das war so ein einschneidendes Erlebnis für mich, dass ich es Wochen später in einem Seminar thematisierte und zur Diskussion stellte. Ich weiß selbst, dass ich in solchen Fällen zur Impulsivität neige und es mir schwer fällt, zu argumentieren und zu begründen, warum (geistig) Behinderte das gleiche Recht auf eine würdevolle Behandlung haben wie alle anderen. Vor allem vor dem Hintergrund der Inklusion sollte das doch überhaupt keine Frage sein, aber offensichtlich ist es das schon. Es kann gut sein, dass ich das Folgende in den falschen Hals gekriegt habe und es gar nicht so gemeint war. Jedenfalls meldete sich damals ein Mädchen zu Wort und, meiner Meinung nach, sagte sie etwas, dessen Konsequenz war, dass Menschen mit (geistigen) Behinderungen doch immerhin dankbar sein können, dass sich überhaupt jemand um sie kümmert, sie zum Beispiel wickelt oder ihnen auf die Toilette hilft. Tja, das klingt ziemlich hart und eigentlich kann ich darauf nur mit endlosen Zorn reagieren. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich darüber auch schon mal nachgedacht habe. Ich mein, es gibt Situationen, in denen ich unbedingt pflegerische Hilfe brauche und zwar so sehr, dass ich einfach nur Hilfe will und ich es mir nicht leisten kann, zu sagen 'Ich will aber, dass mir eine Frau hilft' oder 'Ich will nicht, dass du so mit mir/über mich sprichst, wenn ich anwesend bin'.

Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich tatsächlich, dass die Pflege ein wichtiger Grundstein für Inklusion ist.

12.10.14 13:29


Neun.

Ein weiteres Beispiel, dass Inklusion auch in der Praxis hervorragend funktioniert, ist die Arbeitssuche von Behinderten. Diese fängt für gewöhnlich im Arbeitsamt an. Als mir also Anfang des Jahres aufgefallen ist, dass mein Studium vermutlich Ende September vorbei sein würde und danach wohl eher nicht spontan entdeckt werde, um eine Bilderbuch-Karriere zu machen, dachte ich mir, dass ich mich lieber schon mal beim Arbeitsamt melden und beraten lassen sollte. Meine Erwartungen waren nicht besonders hoch – von wegen ´Die haben jetzt die ultimative Lösung für mich und nach dem Studium werde ich von denen nahtlos vermittelt´ -, aber ich sollte bald feststellen, dass sie trotzdem noch nicht niedrig genug waren.

Na schön, im April oder so war es soweit. Ich hab ja „nur“ noch meine Bachelor- und Jahresarbeit geschrieben und war dementsprechend die meiste Zeit zu Hause in Rheinbach. Wie auch immer... Jedenfalls hab ich meinen Vater und Dolmetscher gebeten, beim Arbeitsamt anzurufen und einen Termin für mich auszumachen. Das hat er dann auch gemacht, wobei er außerdem betont hat, dass ich behindert bin. Die Dame am anderen Ende der Leitung hat allerdings darauf bestanden, mich persönlich zu sprechen, da ich ja über 18 bin. Im Grunde ist das ja auch alles richtig und gut so, aber sie scheint offenbar nicht verstanden zu haben, dass ich sprachbehindert bin und sie mich wohl eher nicht auf Anhieb verstehen wird. Mein Vater gab mir den Hörer und es geschah, was geschehen musste: Ich hab mich wirklich sehr bemüht, laut und deutlich zu sprechen. Die Dame verstand kein Wort. Im Gegenteil: Sie tat ganz so, als würde sie überhaupt nichts hören – Kurzum: Sie nahm mich nicht ernst. Immerhin sagte sie ganz FÜNF mal monoton „Hallo?“ und dann brachte sie sogar noch ein sachliches „Ich lege jetzt auf“ heraus.

Allerdings wurde ich wenig später tatsächlich postalisch eingeladen, ins Arbeitsamt zu kommen. Immer noch ganz benommen von dieser unfassbaren Großzügigkeit habe ich das Bonner Arbeitsamt aufgesucht und habe meinen Rollstuhl in den Raum gezwängt, der mir genannt wurde - und sah mich dem entsetzten und peinlich berührten Blick des Mannes gegenüber, der mich beraten sollte. ,,Ja, wie, Sie sitzen im Rollstuhl? Da hätte man Sie eigentlich in den Rehabereich schicken müssen. Ich kann Ihnen nicht helfen.", sagte er und ein unschuldiges Lächeln umspielte seine Lippen. „Es ist egal, ob Sie geistig fit sind und studiert haben. Die Kollegen und Kolleginnen im Rehabereich können Sie besser beraten und vermitteln. Die haben mehr Erfahrungen mit behinderten Menschen als wir“.

Reizend, oder? Ich wiederhole die Kernaussage mal in eigenen Worten, weil man sie sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen muss: In Zeiten der UN-Behindertenkonvention, des Behindertengleichstellungsgesetzes, der vermeintlichen Inklusion werden Behinderte und Nichtbehinderte im fortschrittlichen Arbeitsamt hübsch säuberlich voneinander getrennt. Behinderte werden in den Rehabereich verfrachtet, Nichtbehinderte dürfen sich zu den 'Normalen' zählen, die nicht gesondert beraten werden müssen.

Ich habe dann glücklicherweise noch am selben Tag einen Termin im Rehabereich ergattern können - Nebenbei bemerkt: Die Büros und die Türen sind da genauso eng wie überall sonst. Der Typ da war auch eindeutig kompetenter als der andere, aber ich find das trotzdem eine Unverschämtheit! Mein Gott, dann sollen die alle nicht so rumschreien, dass die Inklusion so super vorangeschritten ist, sondern einfach mal zugeben, dass die das nicht schaffen und jawohl offenschtlich auch zu großen Teilen gar nicht wirklich schaffen wollen! Das ist zumindest mein Eindruck und ich ließe mich wirklich schrecklich gern vom Gegenteil überzeugen!

Ich mein, ich persönlich, ich find so eine Trennung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten in manchen, nicht in allen, aber in manchen Fällen sogar angemessen und effektiv. Ich mein, es stimmt, Sonderpädagogen sind anders ausgebildet als Lehrer, Berater anders als spezielle Behindertenberater. ABER wenn Deutschland schon die UN-Behindertenkonvention unterschrieben hat, dann erwarte ich auch, dass Behinderte nicht nur oberflächlich, sondern ganzheitlich inkludiert werden und DAS ist meiner Meinung nach eine riesige verlassene Baustelle, die droht, in Vergessenheit zu geraten.

Das Arbeitsamt hat mich übrigens, da der Rehabereich auch mit mir überfordert zu sein scheint, jetzt an den Integrationsfachdienst der Stadt Bonn vermittelt, wo ich am 22.10. einen Termin habe. Allein den Namen find ich in Bezug auf den Inklusionsgedanken ernüchternd. INTEGRATIONs - FACHdienst.


29.9.14 10:02


Acht.

Gestern war ich mit einer Freundin und ihrem Pflegekind im Schwimmbad. Natürlich nicht zum Schwimmen. Behinderte schwimmen nicht, die stehen allerhöchstens am Beckenrand und gucken möglichst breitgrinsend zu, wie andere Spaß haben. Ich mein, das weiß doch jeder. An dieser Stelle muss ich allerdings erwähnen, dass das Pflegekind meiner Freundin selber schwerbehindert ist, mit dem nicht zu verkennenden Unterschied, dass sie leicht und klein ist und somit ins Wasser getragen werden kann. Für sie gilt diese Regel also noch nicht. Aber wehe, Behinderte sind dick, schwer und groß. Dann werden sie zum Problem.

Rein persönlich würde ich zwar denken, dass das Montemare in Rheinbach, das sogar erst kürzlich neu gemacht wurde, inklusiv und aufs Peinlichste behindertengerecht ist, so wie es in Zeiten der UN-Behindertenrechtskonvention etc. eigentlich zu erwarten wäre, allerdings denke ich das ja auch bei Häusern, die neu gebaut werden, aber was weiß ich schon? Nun, also gut, wir sind da rein gekommen - Zu erwähnen brauche ich ja nicht, dass die Frau am Empfang ausschließlich mit meiner Freundin gesprochen und mich ignoriert hat. Na ja, aber ansonsten war sie, glaub ich, ganz nett. Dann sagte sie: ,,Ich mache Ihnen das große Tor auf." ´Das große Tor' ist offenbar ein Tor, durch das Rollstühle ins Schwimmbad gelangen können. Das muss ich auch wirklich mal loben. Die haben sich da echt Gedanken gemacht, also muss ich schon sagen. Respekt! Das Tor war sogar breit genug, dass mein Rolli haarscharf dadurch passte. Es war zwar nicht elektrisch und wenn meine Freundin es mir nicht aufgehalten hätte, hätte ich ein Problem gehabt, aber dafür hab ich natürlich Verständnis. Immerhin ist es ja eine Unverschämtheit, wenn ein Behinderter ohne I-Helfer oder so unterwegs ist. Hinter dem Tor gibt es sogar einen Aufzug, in den immerhin ein einzelner Rollstuhl Platz hatte. Die Knöpfe sind so hoch und ungeschickt angebracht, dass der Insasse sie nicht alleine drücken kann.

Auf der Fahrt blieb der Aufzug stecken und das Licht ging aus. Aber das war meine Schuld. Ich hatte zu weit rechts geparkt, weil ich meinen Arm törichterweise nicht an die Knopfleiste quetschen wollte. Dumme Behinderte, die ich doch bin. Diesen Eindruck hat mir auch die schnippische Frau vermittelt, die mich irgendwann schimpfend und genervt wieder nach unten holte. Beim zweiten Mal hat's dann aber geklappt. Oben hab ich dann meine Freundin in die "Behindertenkabine" begleitet. Diese ist zugegebenermaßen 2x so groß wie andere Kabine, besteht allerdings nur aus ein paar Schließfächern, einem Korbstuhl und einer Turnmatte auf dem Boden. Keine Liege, kein Lifter. Nicht, dass das zu erwarten gewesen wäre, allerdings wünsche ich mir das von einem zeitgemäßen Schwimmbad.

Außerdem wünsche ich mir Lifter im Hallenbad, mehr als nur einen Duschstuhl. Toll wäre auch ein ebenerdiger Zugang zum Wasser, aber das ist wohl zuviel verlangt. 

 

11.9.14 16:24


Sieben.

An unserem Fachbereich gibt es ein Modul, welches nur durch eine mündliche Prüfung abgeschlossen werden kann. Ich habe mich ziemlich lange vor dieser Prüfung gedrückt, weil, na ja, ich mündlich nicht so stark bin und ich mit Recht befürchtete, die Dozenten würden mich nicht verstehen. In der Schule war das was ganz anderes. Da verstand mich mehr als der Großteil der Lehrer, weil die einfach viel öfter und regelmäßiger mit mir zu tun hatten als die Dozenten in der Uni. Meinen Talker bei der mündlichen Prüfung zu benutzen, kam für mich eigentlich auch nicht in Frage, da ich nicht fit genug bin, um mal eben schnell spontane Antworten mit ihm zu geben. Naja, aber langsam rückte das sechste Semester immer näher und ich musste mir eingestehen, dass ich diese Prüfung irgendwie ablegen musste – und die einzige Möglichkeit dafür sah ich darin, dass ich dies in schriftlicher Form tun durfte. Lange Rede, gar kein Sinn: Statt der Prüfung habe ich im Januar eine Klausur geschrieben, für die ich trotz Schreibverlängerung ziemlich wenig Zeit hatte. Ich habe leider nicht bestanden. Wenig später war ich mit einer Freundin zusammen bei der Prüfungskoordinatorin – oder wie das heißt. Es ging um die versemmelte Prüfung, die ich ja nun irgendwie wiederholen musste. Ich fragte, ob ich dieses Mal nicht noch mehr Zeit bekommen könnte. Das wurde verneint. Die Dame erklärte mir ausführlich, dass sie mir schon alle möglichen Nachteilsausgleiche gegeben hätten, die mir zuständen und saß mir ratlos gegenüber. Es ist durchaus möglich, dass ich das schon wieder zu sehr dramatisiere, aber mein subjektives Empfinden war und ist, dass sie genauso gut hätte sagen können: „Sie sind einfach viel zu behindert, um zu studieren … Ich weiß ja auch nicht, was die da oben sich dabei gedacht haben, aber ICH hab die UN-Behindertenrechtskonvention nicht unterschrieben und mich verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem zu gewährleisten bzw. Sie können es ja mal testen, aber Sie sehen ja, dass Sie nicht weit kommen.“ Na gut, den letzten Satz hab ich frei erfunden und das ist womöglich eine etwas zu bösartige Unterstellung. Ist ja auch egal, denn ich muss diese Prüfung so oder so hinter mich bringen und irgendwie bestehen. Also hab ich mit einer Dozentin – einer anderen – ausgemacht, diese Ende Juli/Anfang August zu wiederholen. Als es langsam ernst wurde und ich versucht habe, mit ihr einen konkreten Termin auszumachen, wies sie mich – Gott sei Dank, sonst wäre ich völlig überrumpelt worden – darauf hin, dass es nicht bei nur einen Termin bleiben würde. Genauer gesagt schrieb sie, sie wolle mich daran erinnern, dass der Prüfungsausschuss beschlossen hätte, dass ich die Klausur an 2 Tagen á 2-3 Stunden schreiben werde.

Erstens mal ist es ja sehr nett, dass ich das auch mal erfahre und zweitens: Warum nicht gleich so? Und warum, das frag ich mich bis heute, hat diese Frau Prüfungskoordinatorin im Januar so ein wahnsinniges Theater deswegen veranstaltet, dass mir angeblich keine weiteren Nachteilsausgleiche zugestanden hätten bzw. zustehen würden? Ich weiß gar nicht, worüber ich mich mehr ärgere. Primär hab ich mich natürlich darüber aufgeregt, dass mir vorher niemand Bescheid gesagt hat. Ich wohne ja 200 km von Marburg entfernt und der Plan war eigentlich, dass ich am Prüfungstag lediglich morgens hin und abends zurück fahre. Dementsprechend war ich der Dozentin natürlich dankbar, dass wenigstens sie mich davon unterrichtet hat, dass ich an 2 Tagen hintereinander in Marburg sein muss und ich meinen Plan quasi im letzten Moment noch umstrukturieren konnte. Der sah dann so aus, dass ich am Nachmittag des Vortags der ersten Klausurhälfte mit dem Zug nach Marburg fahren und dann 2 Tage lang im KBH übernachten würde, - das hab ich dann auch so gemacht. Am Morgen der ersten Klausurhälfte zur PhilFak gefahren, in welcher ich die Klausur unter der Aufsicht unserer Prüfungskoordinatorin, nennen wir sie Frau M, schreiben würde. Ich kam da also an, war schon total fertig vor Aufregung, komm im Prüfungsamt an und dann werde ich von Frau M kälter als eiskalt begrüßt. "Begrüßt" ist zuviel gesagt. Die allererste Frage war ein spitzes abweisendes "Sind Sie allein gekommen?" Ich wusste erst gar nicht, was los ist und hab genickt. Und dann pflaumt die mich wie eine ultra-pädagogische Wetterhexe an: "Ach mensch, das haben wir doch so besprochen und auch per Mail abgemacht, dass Sie eine Assistenz mitbringen. Das ist aber jetzt ärgerlich!" Also, 'per Mail' stimmt das überhaupt nicht und besprochen... da kann ich mich auch nicht dran erinnern (Tage später habe ich außerdem von einer guten Freundin erfahren, die im Prüfungsausschuss sitzt, dass das Wort „Assistenz“ an dem Tag, an dem mein Fall diskutiert wurde, gar nicht gefallen ist). Na ja, und überhaupt: Wenn ich zu sowas eine Assistenz mitbrächte, was sollte die denn da, außer sich 3 Stunden langweilen? Mal ehrlich. Wenn da ein PC ist, komme ich prima alleine zurecht. Ich brauche halt wesentlich mehr Zeit als andere mit 10 Fingern, aber es klappt! Basta! Ich mein, das Einzige, wo ich mal kurz Hilfe bräuchte, wäre, wenn ich eine Jacke anhaben würde und man mir die an- und ausziehen müsste. Das war ja bei der ersten Klausur der Fall, aber da hat Frau M mir die ganz selbstverständlich die Jacke an- und ausgezogen und das war eine Sache von einer oder zwei Minuten und da hat sie überhaupt kein Theater gemacht! Und offen gesagt, ich erwarte von einer Frau M an einer Uni in einer (vermeintlich) inklusiven Gesellschaft, dass ihr so etwas gefälligst keinen Zacken aus der Krone bricht! Außerdem finde ich es eine totale UNVERSCHÄMTHEIT, dass die mich wie so ein dummes Kleinkind behandelt, das obendrein nicht selber weiß, wann es eine Assistenz braucht und wann nicht. Tut mir leid, das find ich unmöglich! Ich geb ja zu, wenn man mich sieht, die nicht richtig sprechen kann, die sabbert, denkt man, die kann gar nix, die ist bestimmt geistig behindert. Ja, das versteh ich wirklich! Gut sogar! Ich hab auch verstanden, dass meine Praktikumsmentoren so gedacht haben und mich erst nicht wollten! Aber ich hab bisher in meiner unendlichen Naivität gedacht, in der Uni wär ich vor derartigen Vorurteilen sicher, weil man dann ja zwangsläufig mitkriegt, dass ich Studentin bin und dann ja wohl doch was auf dem Kasten haben muss! Frau M kennt außerdem alle meine Noten, die weiß, dass ich bei keiner meiner Hausarbeiten meine Schreibverlängerung in Anspruch genommen hab! - Sorry, aber das ist echt ein Thema, was mich immer wieder zur Weißglut treibt! - Und so ging es mir an diesem Tag auch, d.h. im ersten Moment war ich einfach nur sprachlos und mein Gesicht hat gebrannt wie Feuer. Und Frau M dann so total gönnerhaft von oben herab in ihrem nüchtern-enttäuschten Ton: "Na gut, dann kommen Sie mal mit." Dann Seufzen. Und dann weiter: "Frau Habenicht, ich möchte BITTE, dass Sie morgen mit Assistenz kommen." Da hätt ich dann am liebsten losgeheult.

Frau M hat mich dann in ein Büro geführt, mir den Computer angemacht, mir die Klausur gegeben, gewartet, bis ich geparkt habe UND DAS WARS! Sie ist dann wieder in ihr Büro gegangen und ich kam bestens alleine klar! Hab dann - das war natürlich auch ein kleiner Triumph - 3 Seiten in 3 Stunden geschrieben, ich glaub, Frau M am Ende diejenige war, die sprachlos war! *Hihi* (Zumindest mag ich die Vorstellung)

Na gut, aber nach diesem dennoch eisigen Empfang wollte ich am nächsten Tag eine Assistenz mitbringen -, nur damit Frau M ruhig ist. (Das ist auch wieder so ne Sache: Behinderte dürfen - in den Augen der Gesellschaft - einfach nicht autonom durchs Leben sausen, einkaufen oder so. Neee, das geht gar nicht, die brauchen I-Helfer, Assistenten und so. Nicht auszudenken, dass mal jemand aus der Gesellschaft spontan hilft, wenn er sieht, dass es nötig ist. DAS wäre in meinen Augen richtige Inklusion oder zumindest ein Teil davon! Aber nein, das ist ja dann wieder eine Zumutung! Das würde dann ja die wunderschöne Fassade der heilen Welt zerstören, in der alles schön getrennt in Reih und Glied von statten geht! Man stelle sich nur einmal vor, die normalen schönen Menschen würden mit sabbernden verkrüppelten Behinderten und deren Hilflosigkeit konfrontiert! Behinderte halten nur auf, also stopft man sie zu den I-Helfern und Sonderpädagogen, die werden ja dafür bezahlt!) Naja, und ich wusste, dass die liebe Esther am Tag meiner zweiten Klausurhälfte Zeit für mich hätte, zumindest bis 14 Uhr, und mich ja vielleicht um 10 zur Klausur begleiten könnte. Hab sie dann auch gefragt und sie hat natürlich, wunderbar, wie sie ist, zugesagt.


Was mir ein bisschen leid für Esther tat, aber für mich ein erneuter cosartiger Triumph war, war, dass Frau M sie dann am nächsten Tag wieder weggeschickt hat, so nach dem Motto: "Wir haben ja gestern gesehen, dass das auch alleine ganz gut klappt." Sie war dann auch viel netter zu mir (also, Frau M, meine ich^^) und ich war kurz davor, ihr zu verzeihen. Aber dann hab ich gedacht: 'Neee, die hat mich echt unmöglich behandelt und wenn ich in meiner Freizeit auf der Straße von Leuten, die mich nicht kennen, mit solchen Vorurteilen oder Bevormundungen konfrontiert werde, ist das in gewisser Weise okay/normal für mich, aber in der Uni MUSS ich mir das de facto nicht bieten lassen. Finde ich. Und das Verhalten von Frau M war/ist auch echt nicht professionell!


Na ja, jetzt hab ichs hinter mir und hoffentlich auch bestanden! Dann kann ich diesen ätzenden Krampf endlich den Rücken kehren!


Aber nochmal zur Klausur und der Behandlung durch Frau M: Als ich mich weitestgehend abreagiert hatte, schlug mir meine liebe Freundin Bente vor, mal eine Feedbackmail an Frau Möglich zu schreiben. Erst hab ich total geblockt: Man tut so etwas doch nicht, man duldet das doch, die armen Nichtbehinderten, die sind doch mit den Behinderten total überfordert, die Behinderten können doch froh sein, dass die Nichtbehinderten sie bevormunden. - Dann hab ich da mal ne Nacht drüber geschlafen und eingesehen, - obwohl das jetzt banal klingt, aber das musste ich mir wirklich nochmal klar machen, - dass die Frau M das überhaupt nicht aus Bösartigkeit getan hat und gar nicht weiß, wie sehr mich das verletzt hat. Wie auch immer: Ich hab ihr also eine bemüht diplomatische E-Mail geschrieben und warte jetzt hoch gespannt auf die Antwort, falls es eine geben wird.

29.8.14 13:52


Sechs.

Vorgestern waren wir im Kino bzw. wir wollten es. Da wir ja in der Nähe von Bonn wohnen, wollten wir entweder nach Bonn oder nach Euskirchen. Also hat meine Mama zunächst beim Kino in Bonn angerufen, um zu fragen, ob der Saal, in dem der gewünschte Film läuft, Rollstuhlplätze hat. Das hat sie bestimmt 5 Mal getan und jedes Mal wurde sie mit einem automatischen Anrufbeantworter verbunden, der ihr selbstverständlich keine Auskunft über solch komplexe Fragen erteilen konnte. Meine Mama hat dann schließlich über mehrere komplizierte Umwege auf der Internetseite des Kinos rausgefunden, dass ausgerechnet der Kinosaal, in dem der Film läuft, über keine Rollstuhlplätze verfügt. Ähnlich war es beim Euskirchener Kino.

So zogen wir schließlich das Kino im, einer Stunde Autofahrt, entfernten Köln in Betracht. Auch dort rief meine Mama an und sprach dieses Mal sogar mit einem Menschen! Die Dame versicherte ihr fröhlich, dass der gewünschte Kinosaal barrierefrei sei und man für Rollstuhlfahrer nicht reservieren müsse. Also gut, wir fuhren nach Köln ins brechend volle Kino und als wir die Karten kaufen wollte, sagte uns die Dame an der Kasse -, die mich natürlich keines Blickes würdigte, aber das kann man ja auch nicht verlangen -. dass die Rollstuhlplätze in dem Kinosaal schon alle besetzt wären, weil wir ja NATÜRLICH vorher hätten reservieren müssen.


12.8.14 19:34


Fünf.

Wahrscheinlich denken die Leute: „Oh Gott, die Behinderte wird jedes Jahr verrückter“, und im besten Fall empfinden sie Mitleid.

Wenn ich auf einem Bürgersteig bin (und ich bin einfach mal so dreist, mich zu den 'Bürgern' zu zählen), dann bin ich darauf angewiesen, dass dieser an irgendeiner Stelle ausreichend abgesenkt ist, damit ich runter fahren kann. Nur leider ist 'irgendeine Stelle' oft nicht da, wo man sie gerade braucht. So kam es schon dutzend Mal vor, dass ich meterlang auf einem Bürgersteig vor oder zurück fahren musste, um eine Absenkung zu finden. Leider ist die Lortzingstraße da nicht wirklich eine Ausnahme, was eigentlich ein Trauerspiel ist, wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier mit Rollator unterwegs sind – Aber gut, die kann man anheben und auf den Bürgersteig wuchten (also die Rollatoren), aber so einen E-Rolli kann man schlicht nicht mal eben anheben und irgendwo hin wuchten. Schon gar nicht ich alleine. Aber gut, ich denke, ich habe die Problematik deutlich genug dargestellt.

Nun, heute Morgen wollte ich mit meinem Hund in den Wald. Ich fuhr also auf dem Bürgersteig bis zu der Ecke, wo der Bürgersteig abgesenkt ist. Das war zumindest der Plan. Kurz davor bemerkte ich aber, dass zwei Mülltonnen im Weg standen. Sie standen nicht genau auf dem Bürgersteig, aber doch so, dass ich mit meinem dicken Rolli nicht daran vorbei konnte, ohne auf die Straße zu fallen. An dieser Stelle ist der Bürgersteig außerdem auf eine ziemlich lange Strecke nicht abgeflacht. Ich konnte also nicht ausweichen. Der Bürgersteig, von dem die Rede ist, ist an drei Stellen abgesenkt. Einmal an dieser Ecke, von der ich berichtet habe, und zwei Mal ziemlich weit hinten in der entgegen gesetzten Richtung, bei den Garagen. Ich musste also irgendwie zurück und bei den Garagen runter. Jetzt ist mein Hund aber alt und ziemlich gebrechlich. Wie auch immer, ich will ihm nicht zumuten, mehr zu laufen, als nötig – und in meinen Augen ist solch ein Umweg total unnötig. Also habe ich meinen Hund abgeleint, ihm gesagt, er soll warten und bin vorsichtig rückwärts (der Bürgersteig ist zu eng zum Drehen) zurück gefahren. Als ich die Garagen endlich erreicht und den Bürgersteig runter gefahren war, raste ich, ganz im Stil einer Verrückten, zu meinem Hund und leinte ihn wieder an, auf dass wir nun doch noch die Straße überqueren konnten.


 

12.8.14 19:33


Vier.

Neulich war ich auf dem Weg zu einem Seminar. Zufälligerweise ist das mein erstes und einziges Seminar, was im Pilgrimstein 2 stattfindet. Mein ganzes bisheriges Studium habe ich versucht, mich vor jeglicher Veranstaltung zu drücken, die dort stattfindet. Deses Gebäude verfügt über zwei Etagen, wovon die zweite absolut rollstuhlsicher ist - in die erste führt immerhin ein Treppenlift, aber da ich im ersten Semester soviele wunderschöne Erfahrungen mit Treppenlifts machen durfte (immer, wirklich IMMER, wenn ich so einen benutzt habe, hat der auf halber Höhe gestreikt und es vergingen teilweise Stunden, bis sich jemand verantwortlich gefühlt und mich gerettet hat), wollte ich darauf verzichten. Dazu kommt, dass man für solche Lifter einen Schlüssel braucht, den die behinderten Studenten aber logischerweise nicht alleine benutzen können und sogar auch nicht dürfen. Ich mein, wo kämen wir denn dahin, wenn die Behinderten völlig autonom zu ihren Seminaren gelangen könnten?

Wie auch immer, als ich ins 5. Semester kam, merkte ich, dass ich, um auf meine Punkte zu kommen, nun aber ein Seminar im gefürchteten Pilgrimstein belegen musste. Ich fragte die Dozentin zwar, ob sie das Seminar in ein rollifreundlicheres Gebäude wie zB das Hörsaalgebäude oder die PhilFak verlegen könne, aber leider war schon alles belegt. Nagut, dann hab ich halt gedacht, dass ich mich einfach mal da an die Treppe stelle und bedürftig aussehe - mal gucken, was passiert.. Aber ein bisschen mulmig w ar mir schon. Umso mehr hab ich mich gefreut, als sich zeigte, dass meine sehr liebe Freundin Johanna das gleiche Seminar belegt hatte! Dieses Seminar fing um 10.15 Uhr an. Johanna und ich trafen uns also fortan immer um Punkt 10 im Treppenhaus, Johanna steckte den Schlüssel in den Lifter und beamte mich hoch - was auch bis auf zwei Mal überraschend gut klappte!

 

Na gut, egal. Es gibt zwei Möglichkeiten für mich, von der Oberstadt zum Pilgrimstein zu kommen. Entweder ich fahre mit dem Oberstadt-Aufzug runter, dann bin ich auf der Höhe des Lahn-Centers und brauche ca. noch 8 Minuten bis zum Pilgrimstein 2 - oder aber ich fahre mit dem Parkhaus-Aufzug, dann brauch ich nur noch 2-3 Minuten. Also fuhr ich logischerweise immer mit dem Parkhaus-Aufzug. Das etwas nervige am Parkhaus-Aufzug ist, ist, dass man einmal umsteigen muss bzw. man fährt erst ins Parkhaus und dann mit einem weiteren Aufzug auf die Straße. An dem Tag, von dem ich berichten möchte, bin ich um kurz vor 10 im Parkhaus angekommen und steuerte mit zufriedenem Blick auf die Uhr in meinem Kopf den nächsten Aufzug an. Da bemerkte ich ein Schild: Aufzug defekt! Bitte Innen-Aufzug benutzen!

 

Unter den Buchstaben waren Pfeile abgedruckt, die nach rechts zeigten. Ich folgte ihnen und da war tatsächlich noch ein Aufzug. Den hatte ich zwar noch nie gesehen und ich wusste auch nicht, wo der rauskommt, aber ich war mir sicher, dass er mich zur Straße brachte.

Das erste, was mir auffiel, war, dass er unglaublich eng war. Mein Rolli passte nur ganz knapp hinein. Wie auch immer, ich fuhr also nach unten und als ich unten war, fuhr ich rückwärts aus diesem Schuhkarton, drehte mich um und was sah ich? Treppen! Überall Treppen! Widerliche kleine fiese Treppenstufen, die mich umzingelten. Der Aufzug hatte auf einer Art Podest gehalten, von dem aus ausschließlich Treppenstufen zur Straße führten. Für mich gibt es nicht viel deutlichere Arten, zu sagen: Aufzüge sind nicht für Rollstuhlfahrer, sondern nur für faule Läufer da!

Wie dem auch sei, mir wurde klar, dass ich keine Zeit hatte. Johanna wartete bestimmt schon und es war bestimmt schon fast 10. Ich versuchte also, den fiesen Stich in meiner Magengegend zu ignorieren und holte den Aufzug erneut, der - wie sollte es anders sein? - natürlich ewig brauchte, bis er kam. Als er endlich da war, setzte ich meine Scheuklappen auf; nahm keine Rücksicht, bedankte mich nicht, drängelte mich eiskalt vor, war so richtig widerlich und hatte nur noch mein eigenes Ziel vor Augen; Ich fuhr wieder in die Oberstadt, bretterte zum Oberstadt-Aufzug. Blöderweise stiegen mir dann im Oberstadt-Aufzug noch doofe Tränen in die Augen, die

mir die Sicht verdarben. Ich hätte Johanna so gerne gesimst, dass ich mich verspäte und sie warten soll, aber das hätte nochmehr Zeit gekostet. Am Lahn-Center bin ich dann wie eine völlig Wahnsinnige zum Pilgrimstein 2 gerast!


Johanna hat übrigens -wie sollte man es von einem solch wunderbaren Menschen anders erwarten? - treu und tapfer in der Kälte ausgeharrt und auf mich gewartet!


12.8.14 19:28


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